Die britische Regierung erhöht den Druck auf die EU, Großbritanniens Brexit-Pläne anzunehmen. Der britische Außenminister Jeremy Hunt forderte die EU in einem Radiointerview auf, die Vorschläge seines Landes anzunehmen. Die EU solle "vom Abgrund zurücktreten", sich mit Großbritannien zusammensetzen und besprechen, wie man die "vernünftigen, konkreten Vorschläge" seines Landes umsetzen könne, sagte Hunt der BBC.

Bei einem Gipfel in Salzburg hatte Großbritanniens Premierministerin Theresa May Ideen vorgelegt, wie das Land nach seinem EU-Austritt weiter mit der Europäischen Union zusammenarbeiten könnte. Die verbleibenden 27 Länder hatten die Pläne allerdings abgelehnt.

May sagte daraufhin öffentlich, die Brexit-Pläne seien "in einer Sackgasse". Einem Bericht des britischen Telegraph zufolge wollen Minister ihres Kabinetts bei einer Sitzung am Montag fordern, dass May einen "Plan B" auf den Tisch legt. Sollte dies nicht geschehen, wollen die Minister dem Artikel zufolge ihren Rücktritt androhen.

May hatte vorgeschlagen, dass Großbritannien und die EU ein Freihandelsabkommen schließen, bei dem es keine Zölle auf Waren geben soll. So könnten May zufolge Grenzkontrollen zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland vermieden werden. Die ehemalige Bürgerkriegsregion gilt als besonders fragil.

"Tut mir leid, keine Kirschen"

EU-Ratspräsident Donald Tusk kommentierte den Vorschlag auch mit einem Bild auf Instagram: Es zeigt May am Kuchenbuffet. Dazu postete Tusk die Zeile: "Ein Stück Kuchen gefällig? Tut mir leid, keine Kirschen."

Tusk spielte damit auf den englischen Begriff des "cherry picking", zu Deutsch "Kirschen herauspicken" an. Wie beim deutschen "Rosinenpicken" beschreibt die Redewendung den Versuch, sich die besten Stücke eines Kuchens zu sichern. Großbritannien wird vorgeworfen, sich von den Pflichten einer EU-Mitgliedschaft befreien, die Vorteile aber behalten zu wollen. Die EU lehnt das kategorisch ab. 

Hunt sagte dem britischen Radio, Theresa May und "das britische Volk zu beleidigen", werde nicht helfen, die "schwierige Lage" zu lösen. "Wenn man uns in die Ecke treibt, weichen wir nicht zurück – so sind wir als Land", so Hunt.

Der CDU-Außenexperte Norbert Röttgen äußerte Verständnis für die harschen Worte aus London. Der Rheinischen Post sagte Röttgen: "Es war ein Fehler der anderen EU-Staats- und Regierungschefs, die britische Premierministerin in Salzburg bis zur Grenze der Erniedrigung zu brüskieren."

May regiert seit einer verpatzten Neuwahl im vergangenen Jahr mit einer hauchdünnen Mehrheit und ist von Revolten von mehreren Seiten bedroht. Immer wieder wird über ihren Rücktritt spekuliert.