Die Kämpfe in Syrien stehen kurz vor dem Ende. Das Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad bereitet zusammen mit seinen Verbündeten Russland und Iran die Schlacht um Idlib vor, die letzte Bastion der Rebellen. Das Regime in Damaskus will das Gebiet zurückerobern, "egal, was es kostet". Die Vereinten Nationen befürchten eine humanitäre Katastrophe mit 800.000 neuen Flüchtlingen. Am Freitag reden die Staatschefs von Russland, Iran und der Türkei noch einmal in Teheran. Danach wird die umstrittene Bodenoffensive vermutlich beginnen. 

Wie ist die Lage in Idlib?

Im letzten Gebiet der Assad-Gegner leben rund drei Millionen Menschen, von denen die Hälfte Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens sind. Hunderttausende leiden unter erbärmlichen Umständen, die Hälfte aller Krankenhäuser liegt in Trümmern. In die Türkei fliehen können die Menschen nicht. Der Nachbar im Norden, der bereits 3,5 Millionen Syrer aufgenommen hat, hält seine Grenzen dicht. Knapp die Hälfte der 70.000 Bewaffneten gehören zur Al-Kaida-nahen Hajat Tahrir al-Scham (HTS). Diese Extremisten lehnen jegliche Verhandlungen ab. Sie kontrollieren 60 Prozent der Provinz. Unter dem Eindruck der drohenden Regimeoffensive schlossen sich Anfang August alle Nicht-Al-Kaida-Kämpfer zur Nationalen Befreiungsfront (NLF) zusammen, einem von der Türkei unterstützten Kampfverband. Dessen ideologische Bandbreite reicht von der moderaten Freien Syrischen Armee über Muslimbrüderbrigaden bis zu harten, nationalistischen Salafisten.

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Welche Strategie verfolgt Russland?

Moskau inszenierte sich zunächst als Mittler, der als Einziger noch das Blutvergießen von Idlib verhindern könnte. Dazu bot Wladimir Putin bei seinem Treffen mit Angela Merkel auf Schloss Meseberg an, seinen Schützling Assad von einer offenen Feldschlacht abzuhalten, wenn Europa dafür im Gegenzug die ersten Milliarden für den Wiederaufbau zur Verfügung stellt. Doch die Kanzlerin beharrte auf der Brüsseler Linie – ohne einen glaubwürdigen politischen Übergangsprozess in Syrien werde kein Geld fließen. Auch hielt sie dem Kremlchef vor, eine millionenfache Rückkehr von Flüchtlingen aus Europa und den Nachbarstaaten Libanon, Jordanien und Türkei sei nur zu verantworten, wenn die Menschen sich ihres Lebens unter Assad sicher sein könnten. Anschließend änderte sich die Moskauer Rhetorik. Während der russische Sondergesandte für Syrien, Alexander Lawrentjew, vor einem Monat noch erklärte, eine Großoperation in Idlib stehe nicht zur Debatte, nennt Russlands Außenminister Sergei Lawrow die Rebellenprovinz nun eine Eiterbeule, die liquidiert werden müsse. Dazu verlegte Moskau zehn Kriegsschiffe und zwei U-Boote ins östliche Mittelmeer. Sie sind mit Mittelstreckenraketen ausgerüstet, die jeden Ort in der Provinz Idlib treffen können.

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Welche Rolle spielt der Iran?

Iran ist am Freitag der Gastgeber des wohl letzten Syrien-Gipfels vor Beginn der Offensive. Nach Teheran eingeladen hat Präsident Hassan Ruhani Kremlchef Wladimir Putin und seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan. Irans Hardliner und ihre schiitischen Milizenverbände setzen auf einen finalen Sieg ihres Verbündeten Assad. Die moderateren Politiker jedoch wissen, neben dem Gefecht in Idlib könnte selbst die Schlacht von Aleppo verblassen. Sollte es zu der von den UN befürchteten humanitären Katastrophe kommen, würde sich die Islamische Republik international weiter isolieren und auch ihre europäischen Partner, die bislang an dem Atomvertrag festhalten, gegen sich aufbringen.

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Welche Interessen hat die Türkei?

Der Türkei fällt als unmittelbarem Grenznachbarn eine Schlüsselrolle zu, auch wenn Ankara die Offensive des Regimes, unterstützt von iranischen Bodentruppen und russischen Kampfflugzeugen, weder politisch noch militärisch abwenden kann. Zwölf Militärposten mit 1.300 Soldaten, die mit Boden-Luft-Raketen ausgerüstet wurden, hat Ankara wie einen Ring um das Gebiet gelegt. Militärisch werden sie wenig ausrichten können. Präsident Erdoğan fürchtet vor allem, der Vormarsch des Regimes könnte einen Massenansturm Verzweifelter auf das türkische Territorium auslösen. Andererseits gab sein Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu beim Besuch in Moskau offenbar sein Einverständnis für eine Offensive gegen Gebiete der Extremisten. Seine Regierung verstehe die Sicherheitsbedenken Russlands in Idlib, erklärte er und fügte hinzu: "Die Kämpfer müssen von den Zivilisten getrennt und die Terroristen unschädlich gemacht werden."

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Lässt sich die Katastrophe von Idlib noch abwenden?

Das syrische Regime ist zu allem entschlossen. "Idlib ist nun das nächste Ziel", kündigte Diktator Baschar al-Assad bereits Ende Juli an. Seitdem zieht ein endloser Konvoi von Lastwagen, beladen mit Panzern, Geschützen und Munition, gen Norden. Auf dem Militärflughafen von Hama, gut 20 Kilometer von der Front entfernt, herrscht Hochbetrieb. Ständig landen voll beladene Hubschrauber und Transportmaschinen. Der Dreiergipfel am Freitag in Teheran kann diese massive militärische Dynamik nicht mehr aufhalten. Und so werden Russland und Iran mit der Türkei wohl nur noch abstecken, in welchen Etappen und in welchen Zeiträumen dieses letzte Gefecht des Syrienkriegs ablaufen wird.

Kriegsgebiete - »Es ist okay, für etwas Gutes sein Leben zu lassen« Rettungsassistent Tobias Buckler behandelt im Irak und in Syrien Kriegsverletzte. »Ich gehe nicht dorthin, um das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden.« Ein Videoporträt © Foto: Kenny Karpov

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