Der politische Betrieb in Washington ist da angekommen, wo die Senatoren dem aktuellen US-Präsidenten auf Augenhöhe begegnen können: ganz unten. Millionen Amerikaner konnten am Donnerstag live verfolgen, was nur an der Oberfläche wie die Suche nach der Wahrheit wirkte. Es ging nicht darum, das mutmaßliche Opfer eines sexuellen Angriffs ernst zu nehmen und zugleich die Unschuldsvermutung gegenüber dem mutmaßlichen Täter so lange aufrecht zu erhalten, bis das Gegenteil bewiesen werden kann. Macht und die Angst, sie zu verlieren waren die Motivation für das Schauspiel, das über Stunden vorführte, was dieses Land spaltet.

Christine Blasey Ford hatte die unwahrscheinliche Kraft aufgebracht, vor dem Justizausschuss des Senats ihre Vorwürfe gegen den Kandidaten für ein Richteramt auf Lebenszeit am Supreme Court persönlich vorzubringen, sich all den schmerzhaften Fragen zu stellen, die ihre Geschichte aufwirft, all das wieder zu durchleben, was sie in ihren eigenen Worten als traumatisches Erlebnis beschrieb. Auf einer Schülerparty Anfang der Achtzigerjahre soll Brett Kavanaugh als 17-Jähriger versucht haben, die damals 15-Jährige zu vergewaltigen. Zusammen mit einem Freund soll er sie in ein Schlafzimmer gedrängt und auf dem Bett über sie hergefallen sein. Der angesehene Jurist streitet weiterhin alles ab, wütend und sichtlich aus der Balance beteuerte er in der Anhörung seine Unschuld und nannte den Ablauf seiner Nominierung eine "nationale Schande", die vergangenen Tage einen "Zirkus". Es dürfte eine der wenigen Feststellungen gewesen sein, an denen es keinen Zweifel gibt.

Dem, was möglicherweise wirklich passiert ist und ob Kavanaugh daran beteiligt war, sind die Senatoren mit diesem traurigen Spektakel über neun Stunden keinen Schritt näher gekommen. Noch schlimmer ist eigentlich nur, dass daran schon vorher kaum jemand geglaubt hatte. Der Stand der Erkenntnisse ist schnell benannt. Ford sagt: Das ist passiert, und ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass Kavanaugh der junge Mann war, der mir das angetan hat. Kavanaugh sagt: Ihr ist bestimmt etwas passiert, aber ich war das nicht und habe niemandem je so etwas angetan; all das ist nur eine schmierige Kampagne, um mich als obersten Richter zu verhindern.

"Rache für die Clintons"

Aussage gegen Aussage also. Alles andere sind Details, die in der Befragung der beiden nicht zu einem vollständigen Bild zusammengesetzt werden konnten – lediglich dazu geeignet, Zweifel und vorgefertigte Urteile zu stärken oder zu schwächen. Und das auch nicht nur in Bezug auf die mutmaßliche Tat. Kavanaugh hat mit seinen aggressiven Tiraden über eine politische Verschwörung der Demokraten, die ihre Wut auf Trump antreibe und die "Rache für die Clintons" üben wollten, gezeigt: Ein idealer oberster Richter, der über den ideologischen Gräben der Parteien steht und unabhängig urteilt – wie es die Idee der Gewaltenteilung vorsieht – wäre er wohl nicht. Die Politisierung der Judikative in den USA ist schon seit Jahren zu beobachten. Der Kampf um Kavanaughs Berufung an den Supreme Court oder für seine Verhinderung legt offen, wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist. Auch das gehört zur Einordnung dieser Senatsanhörung.

Beide, Ford wie Kavanaugh, haben recht, wenn sie sagen: Mein Leben ist zerstört. Ford hat glaubwürdig beschrieben, was sie erlebt haben will, warum sie es so lange für sich behalten hat und was das alles für sie bedeutet. Ihr Satz "Ich bin heute nicht hier, weil ich es will" deutet nur an, wie schwer dieser Schritt gewesen sein muss, der sie in die Öffentlichkeit katapultierte, sie und ihre Familie unsäglichen Anfeindungen und Todesdrohungen aussetzte, sie zum Umzug zwang und Sicherheitspersonal beschäftigen ließ. Und Kavanaugh konnte ebenfalls sicher nur unzureichend in Worte fassen, was er und seine Familie in den vergangenen Tagen an hässlichen und bedrohlichen Dingen erleben mussten. Selbst wenn er es nicht getan hat, würde er die Vorwürfe nie wieder loswerden, auch für ihn wird nichts mehr jemals so sein wie vorher.

USA - Christine Blasey Ford erhebt Vorwürfe gegen Brett Kavanaugh Bei einer Anhörung vor dem Senat hat die Professorin gegen den Kandidaten für den Supreme Court ausgesagt. Hier hören Sie einen Ausschnitt ihres Statements im Originalton. © Foto: Andrew Harnik/Pool/Getty Images

"Dies ist kein Gerichtsverfahren", betonten unzählige Senatoren, vor allem, als Ford ihnen gegenübersaß. Ihr wollten sie signalisieren, dass sie nicht angeklagt sei, sich nicht verteidigen müsse. Es war genauso das Eingeständnis, hier werde man im Kern der Sache nicht zu einem Urteil kommen können. Immer wieder ließen sie durchblicken, was die Anhörung leisten konnte: Wir müssen hier den Charakter eines Mannes beurteilen, der auf Lebenszeit an die wichtigste Institution der amerikanischen Demokratie berufen werden soll. Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit.