Wenn Demokratien von rechts bedroht werden, spielen konservative Bewegungen eine besonders wichtige Rolle in ihrer Verteidigung. Im Großbritannien des 19. Jahrhunderts beispielsweise schafften es die Tories, die Royalisten und Reaktionäre in das parlamentarische System zu integrieren und damit die Extremisten an den Rändern des politischen Spektrums zu isolieren. Scheitern die konservativen Parteien allerdings darin, die Demokratie zu verteidigen, wird es nur umso gefährlicher. Im frühen 20. Jahrhundert etwa überließen etablierte konservative Parteien in europäischen Ländern von Italien bis Deutschland den Extremisten die Schalthebel der Macht oder verwandelten sich in offene Feinde der Demokratie. Das Ergebnis war eine politische Katastrophe von ungekanntem Ausmaß.

Das ist der Grund, warum Konservative das "Scharnier der Geschichte" sein können, wie der Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt in seinem meisterhaften Buch Conservative Parties and the Birth of Democracy argumentiert hat. Verteidigen sie die Demokratie, überlebt das System für gewöhnlich. Machen sie gemeinsame Sache mit den Feinden der Demokratie oder räumen sie kurzfristigen Gewinnen den Vorrang vor dem langfristigen Einsatz zum Erhalt demokratischer Institutionen ein, steht die Tür für alle möglichen Arten von Autokraten offen.

Für jeden, der dieses historische Muster kennt, war das erbärmliche Versagen der Republikanischen Partei, die sich 2016 nicht gegen Donald Trump stellte, zutiefst beunruhigend. Auf die Probe gestellt durch die wichtigste Entscheidung seit der Ära der Bürgerrechte, scheiterte das konservative Establishment in seiner gundlegendsten historischen Verantwortung. Die Getreuen der Konservativen, die Trump heimlich verabscheuten, luden seine autoritäre Ausprägung der Politik ins Zentrum der Macht ein. Sie waren nicht gewillt, das Wohlergehen der Republik höher zu stellen als die Aussicht, einen freien Sitz am Supreme Court zu füllen, und die Angst, ihren angestammten Platz auf Fox News zu verlieren. Selbst wenn Trump in den Wahlen von 2018 und 2020 gründlich zurückgewiesen werden sollte, wird es wahrscheinlich viele Jahre dauern, bis es gelingt, die amerikanische Politik vom Gestank autokratischer Ambitionen zu säubern.

Die Hoffnungen sind nicht mehr haltbar

Vor ein paar Jahren konnte man das Versagen der konservativen Eliten in den USA noch für einen kuriosen Sonderfall halten. Anders als die meisten westlichen Demokratien, haben die Vereinigten Staaten ein schwaches Parteiensystem, das es politischen Insidern schwerer macht, die Kontrolle über den Kandidaten oder das Programm ihrer Partei auszuüben. Also fehlte es der Republikanischen Partei vielleicht einfach an der organisatorischen Kapazität, um Extremisten in Schach zu halten, so ging zumindest eine Theorie. Ebenfalls im Gegensatz zu führenden Mitte-rechts-Parteien in den meisten anderen westlichen Demokratien hatte sich die Republikanische Partei immer weiter von der politischen Mitte entfernt. Also, so eine andere Theorie, konnte Trump die Kontrolle über die Partei gewinnen, weil sie seit Langem einen Prozess der Radikalisierung durchlief.

Beide angeblichen Gründe legten die Vermutung nahe, dass die Konservativen in anderen Ländern sich gegenüber der Verlockung der antidemokratischen Rechten als widerstandsfähiger erweisen würden. Moderate Anführer in Ländern mit starken politischen Parteien, so die Theorie, würden niemals dem schändlichen Beispiel von Männern wie Newt Gingrich oder Chris Christie folgen.

Wie so viele Überzeugungen, die in den fernen Tagen von 2016 weit verbreitet waren, nun aber rührend altmodisch erscheinen, ist auch diese hoffnungsvolle Erzählung nicht länger haltbar. In den vergangenen Jahren sind Konservative in vielen Ländern mit starken politischen Parteien gefährliche Bündnisse mit den äußersten Rechten eingegangen. In Österreich beispielsweise ist Sebastian Kurz an die Macht gekommen, indem er die Kontrolle über die Außenpolitik und die Sicherheitsdienste rechten Extremisten überließ, deren Wurzeln in der Neonazibewegung liegen und die eine tiefe Bewunderung für den russischen Präsidenten Wladimir Putin hegen.

Aber die vielleicht schockierendste Nachricht wurde in den vergangenen Tagen bekannt. Angela Merkel schmiedet faktisch eine taktische politische Allianz mit dem fortgeschrittensten Feind der liberalen Demokratie in Europa: Viktor Orbán.

Orbán hat es in den vergangenen acht Jahren geschafft, die quasi-diktatorische Kontrolle über sein Land zu übernehmen, ohne allzu viel Widerstand der europäischen Institutionen hervorzurufen. Ein Grund dafür ist dieser: Er hat immer Verbindungen zum Mainstream konservativer Parteien auf dem ganzen Kontinent aufrechterhalten. Die wichtigste institutionelle Ausprägung dieser Verbindungen ist die fortgesetzte Mitgliedschaft seiner Partei Fidesz in der Europäischen Volkspartei (EVP). Und der wichtigste Verteidiger der Fidesz-Mitgliedschaft in der Mitte-rechts-EVP war wiederum deren Fraktionschef im Europaparlament: der CSU-Politiker Manfred Weber.