Schöner hätten es sich die Liberalen kaum ausdenken können, was da ausgegraben worden ist: Angestellte, die Dokumente vom Schreibtisch des impulsgesteuerten Präsidenten verschwinden lassen, um zu verhindern, dass er sie unterschreibt. Führende Berater, die ihren Chef als Gefahr für die Nationale Sicherheit bezeichnen und ihm das Verständnis eines Fünftklässlers bescheinigen. Der Stabschef des US-Präsidenten, der seinen Vorgesetzten als "verstörten Idioten" bezeichnet. Dazu Anekdoten wie diese: Bei einer Befragung, die den Präsidenten auf eine Anhörung im Rahmen der Russland-Untersuchungen vorbereiten soll, scheitert der notorische Lügner Donald Trump nach wenigen Minuten. Sein Anwalt warnt ihn: Sollte er aussagen, werde er im Gefängnis landen.

All diese Interna stehen im neuen Buch von Bob Woodward, der Ikone des Enthüllungsjournalismus, berühmt geworden durch seine Aufdeckung des Watergate-Skandals, mit der er den damaligen Präsidenten Richard Nixon zu Fall brachte. Auch jetzt dominiert er die Schlagzeilen, Fear sorgt für Aufsehen im liberalen Amerika. Auf Twitter wurde das Werk schnell zum Trending Topic, CNN präsentierte die Veröffentlichung als Breaking News und prognostizierte Nachwirkungen bis weit in den November, im Radiosender NPR wurde jede der haarsträubenden Anekdoten analysiert.

Trumps Anhänger unbeeindruckt

Woodward ist nicht der Erste, der das Chaos und die Ränkespiele im Weißen Haus zum Thema gemacht hat. Zuletzt veröffentlichten der von Trump entlassene frühere FBI-Chef James Comey und der Autor Michael Wolff ihre Bücher. Doch zumindest im Fall von Wolffs vermeintlich explosivem Insiderbericht Fire and Fury war die Skpesis von Anfang an groß, ist der Autor doch für seine blühende Fantasie und eine eher großzügige Auslegung von Fakten bekannt. Woodwards Glaubwürdigkeit aber steht für viele Kommentatoren außer Frage, seine Rechercheleistungen hatte er nicht nur im Watergate-Skandal unter Beweis gestellt, sondern auch mit Werken über die Präsidentschaft von George W. Bush und Barack Obama.

Wer allerdings jetzt hofft, dies sei der Moment, in dem die Stimmung unter den Anhängern von Donald Trump kippt, in dem sich die Konservativen voller Scham von ihrem Präsidenten abwenden und das Weiße Haus in seinen Grundfesten irreparabel erschüttert wird, der wird enttäuscht werden.

Natürlich eignen sich die Anekdoten und Zitate aus Fear bestens für aufgeregte Schlagzeilen und Tweets. Die Wogen der Empörung aber werden auch dieses Mal vom linksliberalen Beckenrand abprallen, ohne ins andere Lager hinüberzuschwappen oder dort auch nur für ein paar Pfützen zu sorgen. Dass Trump ein unkonventioneller Präsident ist, der das Protokoll missachtet, das sind inzwischen Allgemeinplätze, für die es keinen Enthüllungsjournalisten braucht. Im Gegenteil: Trump ist ja gerade deshalb zum Präsidenten gewählt worden, weil unter ihm das Amt nicht wiederzuerkennen ist.

"Erfundene Geschichten frustrierter ehemaliger Mitarbeiter"

Um die eigenen Anhänger aufzuschrecken und Trump ernsthaft zu schwächen, braucht es mehr, als noch einmal die alten Maßstäbe anzulegen und sich dann darüber aufzuregen, dass er sie wieder nicht einhält. Durch all die vorherigen Insiderberichte aus dem Innern des West Wings wissen wir längst um Trumps Unzurechnungsfähigkeit, dass er besessen ist vom eigenen Image, dass er Diplomatie als Armdrücken versteht und Handel als Nullsummenspiel – alles Themen, die auch in Woodwards Buch wieder aufgegriffen werden. Und trotzdem liegt die Zustimmungsrate in der eigenen Partei nach knapp zwei Jahren so hoch wie bei kaum einem Vorgänger.

Daran wird auch das neueste Buch nichts ändern. Zwar mag der Name Woodward unter Lesern der New York Times und der Washington Post warme Erinnerungen wecken an eine Zeit, in der Journalisten mit ihren Recherchen die öffentliche Meinung, ja Präsidentschaften beeinflussen konnten. In das Milieu des Trump-Wählers aber kann selbst ein Journalist vom Range Woodwards nicht durchdringen. Da hilft es auch nicht, dass die Auszüge des Buches, das am 11. September erscheint, ausgerechnet exklusiv bei CNN und Washington Post erscheinen – den beiden Lieblingszielen von Trump. Für dessen Unterstützer dürfte das vor allem ein Beleg dafür sein, dass es sich bei den vermeintlichen Enthüllungen einmal mehr um Fake-News der Linken handelt.

Das Weiße Haus tat den Bericht entsprechend routiniert als "erfundene Geschichten frustrierter ehemaliger Mitarbeiter" ab, und auch dessen Angestellte nahmen den explosivsten Stellen schnell das Feuer: Stabschef John Kelly wies die Aussagen über ihn als "totalen Bullshit" zurück, Trumps früherer Anwalt bestreitet offiziell, dass es ein Probeverhör gegeben hat. Das Buch sei "die jüngste Runde in einer endlosen Reihe an Anschuldigungen und Falschdarstellungen, die sich auf anonyme Aussagen unbekannter Querulanten berufen". Eine Kehrtwende sieht anders aus.

Warnschuss für die Demokraten

Journalisten sollen und müssen sich weiter aufregen über diesen Präsidenten, denn es gibt ausreichend Gründe. Doch Woodwards Buch sollte für die Demokraten vor allem ein Warnschuss sein, sich nicht ablenken zu lassen. Zwei Monate bleiben ihnen noch, um genügend Wechselwähler zu überzeugen, dass sie die besseren Antworten auf drängende Fragen zu Einwanderung, Globalisierung und Gesundheitsversorgung haben als der Mann im Weißen Haus oder die Republikaner im Kongress. Mit dem Entsetzen um das Verhalten des Präsidenten hinter verschlossenen Türen sind die Wähler in Wisconsin, Ohio oder Michigan nicht zu gewinnen.

Und auch die liberalen Medien laufen Gefahr, sich durch derartige Enthüllungen ablenken zu lassen. Viele Journalisten scheinen bis heute nicht wahrhaben zu wollen, dass Amerika einen Mann wie Donald Trump ins Weiße Haus wählen konnte. Entsprechend tief sitzt die Entrüstung und ist mit neuen Interna schnell hervorzulocken. Doch die Tatsache, dass der Präsident so ganz anders ist als sein Vorgänger Obama, hat an Neuigkeitswert verloren.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Woodwards Buch sich an der Spitze der Bestsellerliste der New York Times festsetzen wird.