Im Weißen Haus sitzt der Widerstand gegen Donald Trump in Hörweite. Ein anonymer Gastbeitrag in der New York Times, geschrieben von einem Regierungsangestellten, beschreibt nicht weniger als dies: Führende Mitarbeiter des US-Präsidenten arbeiten aktiv daran, sein Handeln zu untergraben, "Teile seiner Politik und seine schlimmsten Einfälle zu vereiteln", seine "fehlgeleiteten Impulse" zu bändigen. Ihre Motivation: Schaden vom Land abwenden. Was wie die Heldengeschichte einer Gruppe aufrechter Idealisten klingt, die alles tun, "was wir können, um unsere demokratischen Institutionen zu bewahren" – es ist eine Krise, die weit mehr als nur die Handlungsfähigkeit der Regierung bedroht.

Es gibt wenig Anlass, an der Existenz des Autors zu zweifeln, auch wenn Trump sie umgehend infrage gestellt hat. Der US-Präsident mag unentwegt daran arbeiten, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Medien zu zerstören – sie machen ihre Arbeit dennoch gewissenhaft, im Falle der großen amerikanischen Tageszeitungen vielleicht in diesen Tagen besser denn je. Die New York Times kennt den Namen der Person, die behauptet: "Ich bin Teil des Widerstands innerhalb der Trump-Regierung." Der Schritt, den Text anonym zu veröffentlichen, ist sicher schwierig. Trump fällt es damit leicht, wahlweise zu behaupten, das alles sei nur erfunden oder es als Bestätigung zu sehen für die gern bemühte Verschwörung, die es allerorten gegen ihn gibt. Aber die Kollegen haben recht: Die Schilderungen eröffnen eine wichtige Perspektive auf das Weiße Haus.

USA - Donald Trump – ohne Unterstützung im Weißen Haus? Nicht nur der Journalist Bob Woodward hat ein vernichtendes Buch über die Zustände im Weißen Haus geschrieben. Auch die »New York Times« veröffentlichte einen Artikel, der internen Widerstand gegen den US-Präsidenten beschreibt. © Foto: Mark Wilson

Es gibt auch nur wenig Anlass, an der grundsätzlichen Realität der beschriebenen Zustände innerhalb der Trump-Regierung zu zweifeln. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass die Öffentlichkeit einen Einblick in die dysfunktionalen Abläufe im Weißen Haus erhält, die selbst seriöse Beobachter zu der Einschätzung geführt haben: Ein Kindergarten ist das, und alles dreht sich nur darum, Trump bei Laune zu halten, damit er nichts anstellt.

Keine verschworene Gemeinschaft von Loyalisten

Dabei geht es gar nicht darum, jede einzelne Anekdote für die absolute Wahrheit zu halten. Die großen Enthüllungsbücher mögen sich in ihrer Qualität unterscheiden: Das akribisch recherchierte Fear des legendären Bob Woodward, für das in diesen Tagen mit ersten erschreckenden Auszügen geworben wird (Erscheinungstag: 11. September), bringt sicher eine größere Glaubwürdigkeit mit, als Michael Wolffs Fire and Fury sie Anfang des Jahres verdiente. Aber die Bestseller verdichten vor allem ein Bild, das schon unzählige gut vernetzte, tief und gewissenhaft arbeitende Journalisten gezeichnet haben und es weiterhin tun. Nur ein Beispiel: Nach der Veröffentlichung des Gastbeitrags herrschte nicht etwa Funkstille – nur wenig später konnten Maggie Haberman und Peter Baker in der New York Times detailliert beschreiben, wie Trump und sein Umfeld auf die Veröffentlichung reagierten. Ja, auf Basis anonymer Quellen, aber noch einmal: Das sind keine nachlässigen, effektheischenden Boulevard-Schreihälse.

Damit wird ein weiterer Aspekt deutlich, für den der skandalträchtige Gastbeitrag nur der jüngste Beleg ist: Trumps Regierung ist keine verschworene Gemeinschaft von Loyalisten, die dem Präsidenten der USA dienen und die ihn verteidigen, selbst wenn sie nicht jedes seiner Ziele teilen. Dann gäbe es nicht dieses Stakkato vertraulicher Informationen, die immer wieder über die Medien bekannt werden. Aber diese Frauen und Männer sehen nicht nur täglich, was im Weißen Haus alles schiefläuft, welche Gefahr Trump mit seiner Oszillation zwischen infantiler Schlichtheit und autoritären Machtfantasien für das Land und die Welt bedeutet – sie erzählen Journalisten davon.

Noch viel wichtiger, auch das im Grunde keine völlige neue Erkenntnis des anonymen Beitrags: Sie reden nicht nur über die Entscheidungsfindung des Präsidenten, sie behindern aktiv seine Politik. So berichtet etwa auch Woodward, wie Mitarbeiter Dokumente von Trumps Schreibtisch stehlen, um in ihren Augen Schlimmeres zu verhindern. Der Autor in der New York Times erhebt diese Leute zu "unbesungenen Helden", die "stillen Widerstand" leisteten. Für alle, denen Trumps manisch-erratisches Handeln Angst macht, soll es wohl eine Beruhigung sein: "Es sind Erwachsene im Raum."

Sie schwächen, was sie vorgeblich schützen wollen

Aber wenn Trump dieses Verhalten in die Nähe von Verrat rückt, liegt er nicht völlig daneben. Viele Indizien sprechen dafür, dass der US-Präsident weder intellektuell noch moralisch in der Lage ist, dieses Amt zum Wohle der Bürger auszuüben – daran ist nichts zu beschönigen. Der Wunsch seiner Gegner, es möge nun bald alles zusammenbrechen, ist da allzu verständlich. Die Regierung zu unterwandern oder "in die richtige Richtung zu steuern", wie der anonyme Autor schreibt, "bis es – auf die eine oder andere Weise – vorbei ist", kann dennoch nicht der richtige Weg sein. Die Verfassung der USA hält Mechanismen bis hin zum Impeachment bereit, der heimlich aktive Ungehorsam gehört nicht dazu. Statt das Weiße Haus zu verlassen und den legalen Weg zu gehen, etwa mit ihren Aussagen die Grundlage für eine Amtsenthebung zu verbreitern, schwächen diese verräterischen Helden, was sie vorgeblich schützen wollen: die demokratischen Institutionen.

Aber auch diese Krise ist letztlich Trump zu verdanken, der mit seinen Angriffen auf Justizbehörden oder Medien, ja auf seine eigenen Minister, wenn sie nicht untertänigst spuren, seit Langem alle Normen zu verschieben sucht. Schlimmer als der Präsident, der die Demokratie aushöhlt, oder seine Mitarbeiter, die aus hehren Motiven versteckt dagegen vorgehen, bleiben aber die politischen Mitläufer: jene, die für ihre eigenen Ziele die Augen vor der Gefahr verschließen, die von Trump ausgeht. Davon gibt es noch immer zu viele.