Auf den ersten Blick fiel der Auftritt des US-Präsidenten vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York weit moderater aus als im vergangenen Jahr. Damals drohte Donald Trump, Nordkorea zu vernichten. Am Dienstagvormittag griff er zwar erwartungsgemäß den Iran und dessen "blutige Agenda" an, doch dabei blieb er für seine Verhältnisse gemäßigt. Er attackierte verbal auch die OPEC, wegen angeblicher Preistreiberei, und Venezuela; und er wiederholte seine Warnung an Deutschland, das Land mache sich durch den geplanten Erdgaspipelinebau "vollkommen abhängig" von Russland.

Alles in allem aber waren seine Ausfälle wenig überraschend. Selbst an den für Trump so typischen Bombast hat man sich inzwischen gewöhnt.

Trotzdem wäre es falsch, die Rede des US-Präsidenten als politische Routine abzuhaken. Denn Trump hat vor den UN-Delegierten nichts anderes als eine Abschiedsrede gehalten. Es war der offizielle Abschied der USA von der viel beschworenen liberalen Weltordnung: jenem Netz aus supranationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen, internationalen Abkommen und globaler Zusammenarbeit, das nach den Verheerungen des zweiten Weltkrieges geschaffen wurde, um künftig Demokratie, Wohlstand und Frieden zu schützen.

Für die USA war diese Ordnung zwar immer auch ein Instrument, um die eigenen Interessen in der Welt zu vertreten, seien diese politischer oder wirtschaftlicher Natur, doch gleichzeitig förderte und schützte das System Demokratien weltweit. Es war alles andere als perfekt – und doch hat es der westlichen Welt eine der längsten Perioden friedlichen Miteinanders und steigenden Wohlstands beschert. 

Das ist erst der Anfang

In seiner Rede machte Trump nun klar: Dieses Modell hat für die USA  ausgedient. "Wir lehnen die Ideologie des Globalismus ab", sagte er. Stattdessen stehe Amerika für die "Doktrin des Patriotismus". Trumps Außenpolitik unterwirft, ganz nach seinem Grundsatz America First, alle Beziehungen einer Kosten-Nutzen-Analyse, das gilt für das Nato-Verteidigungsbündnis wie für Entwicklungshilfe und ganz besonders für den Handel. Wer glaubt, Trumps bisherige Attacken auf den freien Handel seien nur vorübergehende Maßnahmen, um nach ein paar Triumphmeldungen für seine Anhänger wieder einzulenken, täuscht sich. Das sei nur der Anfang, sagt Trump in seiner UN-Rede.

Damit dürfte er schon deshalb recht behalten, weil der Trend zur Abschottung und Abkehr von der Welt in den USA lange vor ihm begann. Obama wurde 2008 auch deshalb gewählt, weil er offen den Freihandel kritisierte. Und er versprach ein Ende der Kriege, in denen Tausende Soldaten starben, Zehntausende verwundet wurden und die das Land Billionen kosteten. Hillary Clintons Niederlage ist auch darauf zurückzuführen, dass sie diese Stimmung im Land nicht erkannte.

Trumps Vision für die Welt besteht aus Nationalstaaten, die "einzigartig" sind und für sich allein stehen. Mehr als ein Dutzend Mal bezog sich der US-Präsident auf die nationale Souveränität als wichtigstes und unverletzlichstes Gut, er lobte Länder wie Indien und Polen, die nach dieser Unabhängigkeit strebten. Wenn jede Nation sich um sich selbst kümmert, so Trumps außenpolitische Doktrin, dann lösen sich die Probleme praktisch von selbst – vor allem aber ohne einen Eingriff der USA.

Unerwähnt ließ Trump in seiner gesamten Rede Russland und Moskaus Invasion der Krim, eine klare Verletzung der souveränen Ukraine. Das zeigt die Gefahr, die in seiner Abkehr von der bisherigen Weltordnung steckt: Ohne ihre Spielregeln gibt es keine Mechanismen zur friedlichen Konfliktlösung. Und ohne eine aktive Rolle Washingtons wächst die Gefahr, dass regionale Rivalitäten eskalieren. Trumps Bild von der Welt als Sammlung einzigartiger Heimatländer könnte eine Welt im Chaos bedeuten.