Im Jahr 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, veröffentlichte die Carnegie-Stiftung den Bericht einer internationalen Kommission über die Ursachen und den Verlauf der beiden Balkankriege von 1912 und 1913. Der Kommissionsvorsitzende, der französische Senator Baron d’Estournelles de Constant, war entsetzt über das, was er bei seinen Reisen durch die blutgetränkten Schluchten des Balkans gesehen und gehört hatte. All der Schrecken werde nie enden, solange Europa nicht aufhöre, ihn zu ignorieren, schrieb er. Deprimiert fügte er hinzu, seinen Bericht hätte er besser betiteln sollen: "Das uneinige Europa und sein demoralisierendes Handeln auf dem Balkan.

Auf das Zitat d’Estournelles‘ war ich vor zwei Jahrzehnten nach den Balkankriegen der neueren Zeit gestoßen: die jugoslawischen Auflösungskriege, dann die Kriege der NATO gegen Milošević-Serbien. Ich war damals Mitglied zweier internationaler Balkan-Kommissionen, deren Berichte ich maßgeblich mitformulierte (Unfinished Peace 1996, Kosovo Report 2000). Der derzeitige Streit über das zukünftige Verhältnis zwischen Serbien und dem seit 20 Jahren unabhängigen Kosovo rückte mir die zitierten Passagen wieder ins Gedächtnis. So schlimm wie damals sind die Zustände heute nicht, doch Europas Politik lässt auch in der Gegenwart zu wünschen übrig.

Von vielen anderen Krisen bedrängt, inneren und äußeren, hat Europa die sechs Staaten des Westbalkans – Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Albanien – auf die hinterste Herdplatte geschoben. Es hat damit ein Vakuum geschaffen, in das andere politisch und wirtschaftlich hineinstoßen: Russland, die Türkei, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten, vor allem jedoch China. Die Chinesen investieren in die rückständige Infrastruktur, die Araber bauen Moscheen und Koranschulen, die Türkei unterstützt die muslimischen Hinterbliebenen des osmanischen Reichs, Russland gibt politischen Flankenschutz. Alle zusammen sind sie dabei, den Balkan von außen zu balkanisieren.

Die Versprechungen der EU bleiben vage

Nicht, dass die EU in Südosteuropa nichts getan hätte. Sie hat schon 2004 Slowenien aufgenommen, 2007 dann Bulgarien und Rumänien und 2013 Kroatien. Seit 2012 werden Beitrittsverhandlungen mit Montenegro geführt, seit 2014 mit Serbien, und Mitte nächsten Jahres sollen Beitrittsverhandlungen auch mit Albanien und Mazedonien begonnen werden. Mit allen Westbalkanländern hat Brüssel auch Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen geschlossen, die ihnen beträchtliche Vorbeitrittshilfen und Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB) sowie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) eingebracht haben. Sechzig Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen kommen aus der EU. China steuert nur 11 Prozent bei, aber es stellt sein Engagement viel besser dar.

Die Beitrittskandidaten stöhnen über den Papierkrieg, den ihnen das EU-Vertragswerk acquis communautaire mit seinen 80.000 Seiten verbindlicher Vorschriften zumutet. Serbien und Montenegro bezweifeln mehr und mehr, dass sie den Beitritt 2025 vollziehen können; dazu ist der Widerstand zumal Frankreichs – Macron: Vertiefung vor Erneuerung! – zu groß; auch die Bundeskanzlerin hält nichts von einem Zieldatum. Wohl hat die EU im Mai erneut ihre Entschlossenheit bekundet, den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel in der Region zu verstärken, doch blieb diese Bekundung recht vage; Konkreteres als die Zusage weiterer Gelder für den Autobahnbau und eine Herabsetzung der Roaming-Gebühren war nicht zu erkennen.