Da steht er. Mitten im größten Saal des Europäischen Parlaments in Straßburg. Jean-Claude Juncker wankt nicht, als er am Vormittag seine vierte Rede zur Lage der EU hält. Er steht still, redet ruhig. "Ja, ich liebe Europa", sagt er. "Und das wird auch immer so bleiben."

Seine Rückenprobleme, die ihn seit einem Autounfall vor vielen Jahren plagen, sind nicht erkennbar während seiner etwa eineinhalbstündigen Rede. Nichts erinnert an den Auftritt während des Nato-Gipfels in Brüssel vor wenigen Wochen, als er Probleme beim langen Stehen hatte. Damals nutzten Rechtspopulisten Junckers Schwanken, um ihn auf YouTube als betrunkenen Mann darzustellen. So weit war es im vierten Jahr seiner Amtszeit schon gekommen.

Ein unumstrittener Star im europäischen Politikbetrieb war dieser Jean-Claude Juncker nie in den vergangenen vier Jahren. Als er es 2014 an die Spitze der Kommission geschafft hatte, kommentierte die Süddeutsche Zeitung das mit zwei Worten: "Notlösung Juncker". Junckers Start in der EU-Kommission, immerhin so etwas wie eine Art Regierung der EU, misslang gehörig. Nur wenige Wochen im Amt, musste er erklären, wie er als Premierminister Luxemburgs internationalen Konzernen geholfen hatte, Steuern zu vermeiden.  

Ausgerechnet zu einer Zeit, als die Europäische Union in einer der ökonomisch schlimmsten Phasen ihrer Geschichte steckte, wirkte Juncker mehr wie ein Teil des Problems als der Lösung. Zur Erinnerung: Der Euro steckte wegen der in den USA ausgelösten Bankenkrise in seiner schwersten Krise. Ein verlorenes Jahrzehnt mit wirtschaftlichen Problemen wurde in Europa erwartet. Als die EU-Bürger Griechenlands gar den Austritt aus dem Euro und der EU debattierten, stellte sich Juncker mit dem Charme eines biederen Sachbearbeiters auf die europäische Bühne und beschwor die europäische Solidarität mit den Griechen. Trotz gehörigen Widerstands, auch aus Berlin.  

Was damals hilflos wirkte, funktionierte. Dank der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und einem mehr als 300 Milliarden schweren Investitionspaket, das Junckers Kommission auflegte, verbesserte sich die Lage im Mittelmeerraum. Niemand redet mehr von einem Grexit, und die Wirtschaft Griechenlands ist mittlerweile nach harten Sparmaßnahmen auf dem Weg der Besserung. Der weltgrößte Binnenmarkt hat größtenteils die Finanzkrise überstanden. Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000 gesunken – wobei 14,8 Prozent immer noch alarmierend hoch sind. 

Den größten Coup seiner Amtszeit schaffte Juncker in diesem Sommer. Nicht der mutig auftretende französische Präsident Emmanuel Macron, nicht die geopolitisch erfahrene Angela Merkel, sondern er war es, der nach Washington ins Weiße Haus reiste und dort Donald Trump überzeugte. Der Kommissionspräsident, der im Namen aller Europäer verhandelte, einigte sich mit dem US-Präsidenten, bis auf Weiteres den Handelskrieg zwischen den USA und der EU beizulegen. Die Zölle, welche die EU-Kommission als Gegenmaßnahme zu Trumps Strafaktion gegen europäischen Stahl verhängt hatte, etwa auf Whisky, Motorräder und Erdnussbutter, halfen ihm dabei.

Nein, Junckers Problem ist nicht die Wirtschaft. Stattdessen muss er sich am Ende seiner Amtszeit auf anderen Politikfeldern unangenehme Fragen stellen lassen: Wo war er, als in Großbritannien der Brexit noch zur Debatte stand? Und wo war Juncker, als erst in Ungarn und dann in Polen die Axt an das gelegt wurde, was die Basis der EU bildet: die Unabhängigkeit der Medien, der Wissenschaft und die Rechtsstaatlichkeit?