Die russische Protestgruppe Pussy Riot ist wieder weltweit in den Schlagzeilen, nachdem Pjotr Wersilow, einer der Aktivisten, am 11. September in eine Moskauer Klinik eingeliefert worden war. Er hatte plötzlich sein Seh- und Sprechvermögen verloren und konnte sich nicht mehr bewegen. Die Ärzte der Berliner Charité, wo er mittlerweile behandelt wird, gehen davon aus, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit vergiftet wurde

Inzwischen ist der 30-jährige Wersilow außer Lebensgefahr. Seine Ex-Frau Nadeschda Tolokonnikowa twitterte am Donnerstag ein Bild von ihm und schrieb dazu: "Ein großer Fortschritt heute. Ein großer Tag. Petja kommt zu uns zurück." In Russland wird darüber gerätselt, was hinter der Vergiftung stehen könnte. Als mögliche Gründe werden am häufigsten eine Vergeltungstat für die jüngste Aktion von Pussy Riot beim Finalspiel der Fußball-WM in Moskau genannt – dort hatten Wersilow und andere Mitglieder der Gruppe kurzzeitig das Spielfeld gestürmt und eine Unterbrechung erzwungen. Auch Wersilows Arbeit als Herausgeber der Webseite Mediazona, die über die russische Justiz, politische Prozesse, Folter und Menschenrechtsverletzungen in Straflagern berichtet, könnte ein Grund sein.

Pussy Riot ist ein Name, der im Westen auch denjenigen bekannt ist, die sich sonst nicht für die Details der russischen Innenpolitik interessieren. Vor sechs Jahren machten sie erstmals international auf sich aufmerksam, als Nadescha Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch in Moskau für ihre Aktion in der Christus-Erlöser-Kathedrale vor Gericht standen. Es war eine Geschichte, die für die westliche Öffentlichkeit klar und verständlich war, Sympathien weckte und an die Protestkultur in Europa und den USA anknüpfte: Junge, mutige Frauen in bunten Masken kämpfen gegen das autoritäre, erzkonservative System.

Negatives Image im Westen war das Problem für den Kreml

Außerdem erfuhr die Kampagne, die ausgerechnet Pjotr Wersilow organisierte, weltweite Aufmerksamkeit: Er brachte Pop- und Rockstars wie Madonna, Paul McCartney, Björk, Yoko Ono, Red Hot Chili Peppers und Franz Ferdinand dazu, Pussy Riot zu unterstützen. Die inhaftierten Frauen wurden damit im Ausland zu den bekanntesten Protestfiguren aus Russland. Der russische Präsident Wladimir Putin wurde zum Thema auf Pressekonferenzen befragt und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach das Thema bei einem Treffen mit ihm an.

Dabei handelte es nicht etwa um eine Bewegung, die der russischen Regierung in irgendeiner Form innenpolitisch gefährlich werden konnte. Pussy Riot hat seine Sympathisanten unter den gebildeten Menschen in den Großstädten. Dagegen hielt laut Umfragen knapp die Hälfte der Russen den Prozess und die zweijährige Haftstrafe für die Frauen für gerecht – was zum Teil auch mit einer massiven Gegenkampagne in den staatlichen Medien zu erklären war. Der Fall Pussy Riot machte der Regierung vor allem durch den unerwarteten Imageverlust und die negative Presse im Westen Probleme.

Gruppensex im Museum, Putin macht sich in die Hose

Pussy Riot entstand 2011 aus Mitgliedern der aktionistischen Kunstgruppe Wojna (dt.: "Krieg"). Pjotr Wersilow und Nadeschda Tolokonnikowa nahmen an mehreren Aktionen der Wojna teil, etwa dem Gruppensex im Biologischen Museum in Moskau als "Unterstützung" für den damaligen Präsidentschaftskandidaten Dmitri Medwedew oder einer Tour durch Moskauer Polizeistationen mit einer Torte, Tee und Porträts von Medwedew, um den Polizisten zu seiner Amtseinführung zu "gratulieren". Die Aktionen von Wojna waren schrill, provokant, ironisch und immer medienwirksam. So wie auch spätere Performances von Pussy Riot. 

Die neue feministische Punkgruppe wurde während des Protestwinters 2012 bekannt. Frauen in bunten Kleidern und Masken sangen auf dem Roten Platz darüber, dass "Putin sich in die Hose macht". In Interviews erzählten anonyme Aktivistinnen, dass jeder ein Teil von Pussy Riot werden könne, der sich eine bunte Maske über den Kopf zieht und gegen das System protestiert. Pjotr Wersilow nahm nicht an den Aktionen der Gruppe teil, unterstützte sie jedoch bei der Organisation. In den russischen Medien wurde er häufig als "Producer" oder Drahtzieher hinter Pussy Riot genannt.