Großbritannien sehe aus wie ein "44-Kilo-Schwächling, der von einem 225-Kilo-Gorilla zerdrückt werde"; das Land habe sich in den Verhandlungen um den Austritt aus der Europäischen Union erniedrigen lassen und sei andauernder politischer Erpressung ausgesetzt. Man habe eine "Sprengstoffweste um die Verfassung des Landes gelegt" – und der Auslöser liege nun in der Hand des EU-Verhandlungsführers Michel Barnier. Mit diesen drastischen Sprachbildern hat der ehemalige britische Außenminister Boris Johnson die Premierministerin Theresa May und deren Brexit-Strategie in einem Beitrag für die Boulevardzeitung Daily Mail angegriffen.

Johnson gilt als ein Verfechter des harten Brexit, einer Loslösung aus der Zollunion und dem europäischen Binnenmarkt bei gleichzeitiger Beibehaltung vieler Vorteile einer EU-Mitgliedschaft für das Vereinigte Königreich. Falls diese Konditionen in einem Austrittsvertrag mit der EU nicht zu erreichen sein sollten, würden Brexit-Hardliner wie Johnson einen Austritt aus der EU ohne jedes Abkommen bevorzugen. Wegen solch strategischer Differenzen mit der Premierministerin Theresa May war Johnson Anfang Juli als britischer Außenminister zurückgetreten.

Streitpunkt Nordirland

Mays sogenannter Chequers-Plan für den Austritt aus der EU sieht vor, dass zur Offenhaltung der grünen Grenze zwischen Irland und Nordirland Letzteres in der Zollunion und in Teilen des Binnenmarktes verbleiben könnte. Johnson nennt das inakzeptabel, weil es de facto Nordirland in der EU und die Landesgrenze des Vereinigten Königreichs durch die irische See verlaufen lassen würde. Es gebe, so Johnson, weit bessere Lösungsmöglichkeiten für dieses Problem.

Johnson schreibt regelmäßig in der britischen Presse und ist für seinen polemischen Stil bekannt. Dass er die Premierministerin mit ihrem Plan für einen Verbleib Großbritanniens in der EU-Freihandelszone derart heftig attackiert, wird von britischen Beobachtern als Positionierung im Kampf um den künftigen Parteivorsitz der Tories angesehen. Mitglieder der Tories kritisierten Johnsons Aussagen. Der neue Außenminister Sir Alan Duncan nannte sie einen der ekelhaftesten Momente der modernen britischen Politik, der mittelfristig das Ende von Johnsons politischer Karriere bedeute.