Vor ihrem entscheidenden Parteitag zum Brexit ist die Konservative Partei der britischen Premierministerin Theresa May tief gespalten. In einem Interview mit der Sunday Times warf May den Kritikern des von ihr vorgelegten Chequers-Plans für den Brexit vor, sie spielten mit der Zukunft Großbritanniens und schadeten den Interessen des Landes.

May signalisierte außerdem, dass sie auch nach der Trennung von der EU auf ihrem Posten bleiben möchte. Sie habe einen langfristigen Job zu erledigen, sagte sie der Zeitung. Mays Hauptgegner in der eigenen Partei, Ex-Außenminister Boris Johnson, bezeichnete Mays Pläne zum Austritt in derselben Zeitung als "geistesgestört".

Brexit-Hardliner wie Johnson, Ex-Brexit-Minister David Davis und der einflussreiche Abgeordnete Jacob Rees-Mogg wollen einen klaren Bruch mit Brüssel. Ihnen ist der Kurs von May zu EU-freundlich, obwohl schon deren Pläne in Brüssel vehement abgelehnt werden.

May will eine Freihandelszone mit der Europäischen Union für Waren, aber nicht für Dienstleistungen wie Bankgeschäfte. Dafür soll sich Großbritannien eng an Produktstandards und andere Regeln des EU-Binnenmarkts halten. Zollkontrollen am Ärmelkanal und an der Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem nicht zum Vereinigten Königreich gehörenden EU-Mitglied Irland sollen durch ein kompliziertes System verhindert werden.

Johnson schlug hingegen einen erweiterten Freihandelsvertrag mit Brüssel nach dem Vorbild des Abkommens zwischen der EU und Kanada vor. Um ein "Super-Kanada-Handelsabkommen" zu bekommen, wie er es nennt, solle London als Druckmittel die Zahlung der auf rund 40 Milliarden Euro bezifferten Abschlussrechnung infrage stellen. Grenzkontrollen in Irland will Johnson durch technische Lösungen verhindern.

Angriffe von zwei Seiten

Johnson und Davis waren im Juli im Streit über Mays Pläne zurückgetreten. Johnson wird am Dienstag auf dem Parteitag eine Rede halten, einen Tag vor der Premierministerin.

May wird von zwei Seiten kritisiert. Angesichts eines drohenden Brexit ohne Abkommen warnte der ehemalige Generalstaatsanwalt Dominic Grieve im Sunday Telegraph vor einer Rebellion EU-freundlicher Tories gegen May, die ein zweites Brexit-Referendum befürworten. Denn ein ungeregelter EU-Austritt würde der Zukunft Großbritanniens schweren Schaden zufügen.

Einer Umfrage zufolge wächst mit Blick auf den Brexit bei den meisten Briten die Skepsis: Sie schätzen die Zukunft ihres Landes schlechter als beim Referendum vor zwei Jahren ein. In der repräsentativen Befragung im Auftrag des Nachrichtensenders Sky News gaben 56 Prozent an, dass der Austritt aus der EU wohl schlimmere Folgen haben dürfte, als sie bei der Abstimmung dachten. Nur neun Prozent gehen von einem besseren Ausgang aus. 26 Prozent änderten ihre Meinung nicht.