Die Erleichterung ist verständlich, wenn die Schlagzeilen suggerieren: Die Offensive auf Idlib ist abgewendet. Ob nun aus echter Empathie mit den Millionen syrischen Zivilisten, die eingekesselt in der nordwestlichen Provinz kaum mehr tun konnten, als auf ihren Tod zu warten, oder eher aus zynischer Sorge vor einer gewaltigen neuen Fluchtbewegung: Das drohende Massaker hatte zumindest die oberflächlichen Blicke der Welt wieder auf das Schicksal dieser Menschen gelenkt. Wer genauer hinschaute, sah wenig Hoffnung, dass ihnen noch irgendwie geholfen werden könnte. Der Entschlossenheit des syrischen Regimes und seiner Waffenbrüder Russland und Iran, auch den letzten großen Rückzugsort von Rebellen im Land wieder in den Gehorsam zu bomben, standen allerorten nur Ohnmacht und Indifferenz gegenüber.

Nun also soll ein Deal zwischen der Türkei und Russland die befürchtete humanitäre Katastrophe ungekannten Ausmaßes verhindert haben? Was auch immer aus dem vereinbarten entmilitarisierten Streifen wird – denn es sind noch viele Fragen offen –, eines scheint klar: Dies ist nicht der Beginn einer friedlichen Lösung, die das Ende des seit sieben Jahren währenden Kriegs bedeuten würde. Selbst wenn die Pufferzone eingerichtet würde, extremistische und andere Kämpfer mit ihren schweren Waffen abzögen (wohin eigentlich?) – für niemanden, der nicht unter der Schreckensherrschaft des Diktators Baschar al-Assad leben will, ist die Sicherheit garantiert.

Lange bevor es um die Details geht, wie die Vereinbarung überhaupt umgesetzt werden kann, ist dieser Deal mit mehr als einem großen Fragezeichen versehen. Russland, das an den Verbrechen dieses Kriegs so maßgeblich beteiligt ist und so viele diplomatische Scheinmanöver betrieben hat, ohne jemals tatsächlich von seiner Vernichtungs- und Vertreibungsstrategie an der Seite des syrischen Regimes abzulassen – woher soll das Vertrauen in diesen Akteur kommen?

Unterwerfung, die als Befreiung daherkommt

Der Kreml mag weniger Interesse daran haben, die Rückeroberung Idlibs bis zum hässlichen Ende zu treiben als der gnadenlose Schlächter Assad: Zu teuer, zu unbeliebt in der Heimat ist dieser Einsatz, und das Ziel, sich gewaltsam zur Weltmacht zu bomben, ist längst erreicht. Der Platz auf Augenhöhe mit dem Westen ließe sich mittlerweile besser als Teil einer Lösung behaupten, zumal ja dieser Tage Partner für den aus eigenen Mitteln nicht leistbaren Wiederaufbau gesucht werden. So könnte Russland damit leben, wenn der Krieg in Idlib eingefroren würde, aber will es das wirklich? Und ließe sich Assad davon überzeugen? Es sieht eher aus wie das bestens geübte Spiel: Zeit gewinnen, das Bemühen um Frieden vortäuschen, wieder zuschlagen.

Die schnelle Variante dessen, was nun bevorstehen könnte, wäre diese: Die Kämpfer in der Provinz weigern sich, aus der geplanten Pufferzone abzuziehen oder gar ihre Waffen abzugeben; das Vorhaben wäre schon an den ersten Schritten gescheitert – und das syrische Regime wie auch seine Unterstützer könnten die Offensive mit aller Härte aufnehmen. Man habe es ja versucht, hieße es dann wohl, aber die "Terroristen" seien nicht an Frieden interessiert und müssten vernichtet, das Land weiter "befreit" werden. Wir wären wieder am Anfang: "Befreiung" gäbe es nur für jene, die sich Assads Herrschaft bedingungslos unterordnen, alle anderen – das war bislang die Logik dieses Kriegs – sind "Terroristen", die getötet oder vertrieben werden müssen.

Aber selbst wenn diese Teile des russisch-türkischen Plans aufgingen, zeigt dessen letzte Stufe, dass in Damaskus, Moskau und Teheran niemand daran denkt, Idlib einfach aufzugeben. Wie die regierungsnahe syrische Zeitung Al-Watan berichtet, ist vorgesehen, dass am Ende – wenn die Kämpfer abgezogen und entwaffnet sind – Institutionen des syrischen Staats in die Provinz zurückkehren sollen. Das syrische Regime spricht davon, die "Sicherheit wiederherzustellen"; die iranische Führung, namentlich Außenminister Mohammed Dschawad Sarif, lobt die "verantwortungsvolle Diplomatie". In Wahrheit ist es ein Ultimatum. An die Kämpfer: Gebt auf oder sterbt. An die Menschen in Idlib, die in diesen Tagen unbeirrt für Freiheit demonstrieren: Unterwerft euch oder sterbt als Terroristen – wobei der Gehorsam niemanden vor der Rache des Regimes und seiner Schergen schützen wird. Denn es bleibt dabei: Unter Assad wird es in Syrien für niemanden eine Zukunft geben können, der gegen ihn auch nur einmal seine Stimme erhoben hat.