Noch hat die Großoffensive auf Idlib nicht begonnen. Doch die Drohung ist real, unterfüttert von Truppenbewegungen des syrischen Regimes und aggressiver Rhetorik sowohl aus Damaskus als auch Moskau. In den vergangenen Tagen haben die Bombardierungen dramatisch zugenommen. Viele Menschen sind dabei getötet, Zehntausende zur Flucht gezwungen worden. In der Tat: "Es geht darum, das Schlimmste zu verhindern", wie Außenminister Heiko Maas vor seinem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow an diesem Freitag in Berlin betonte: "Wir alle wissen, was auf dem Spiel steht."

Es wäre eine gewaltige Offensive. In dem Gebiet im Nordwesten Syriens befinden sich mehr als drei Millionen Menschen, davon rund 1,4 Millionen syrische Binnenflüchtlinge. Die Vereinten Nationen warnen vor einer humanitären Katastrophe ungekannten Ausmaßes in dem seit 2011 andauernden Krieg.

"Russland verfügt über die Möglichkeiten, auf das syrische Regime einzuwirken, und wir bauen darauf, dass diese jetzt genutzt werden", insbesondere um den Einsatz von Chemiewaffen zu verhindern, sagte Maas nach dem Gespräch mit Lawrow. Der wiederum nannte es die Aufgabe Russlands, "kompromisslos den Kampf gegen den Terrorismus zu führen", betonte, Zivilisten müssten geschützt werden – und verwies im Übrigen auf das Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am Montag. Wirklich weitergekommen ist man also offenbar noch nicht.

Weniger als ein Prozent derer, die in Idlib auf den Angriff warten, sind nach Einschätzung der UN Kämpfer. Um die geht es aber in der internationalen Debatte fast ausschließlich, spezifischer: um die Extremisten unter ihnen, wie die Al-Kaida-nahe Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Das liegt nicht zuletzt an der seit Beginn des Konfliktes so falschen wie kontinuierlich wiederholten Behauptung des syrischen Regimes, bei der Revolution handele es sich um einen Angriff von "Terroristen". Sich allein auf extremistische Kämpfer zu konzentrieren, bedeutet im Falle Idlibs, den Kampf gegen einige Tausend Dschihadisten über das Schicksal von drei Millionen Menschen zu stellen. Eine weitere militärische Eskalation würde erneut Hunderttausende Menschen in die Flucht in Richtung Türkei treiben – die jedoch erklärt, dass sie ihre Grenzen nicht für sie öffnen wird.

Das Regime bleibt unversöhnlich

Damit ist klar, dass es keinen Ort mehr gibt, an den Menschen fliehen könnten. Das wäre insbesondere für die Zehntausenden von Aktivistinnen und Aktivisten fatal, die in anderen Teilen Syriens keine Möglichkeit mehr gesehen hatten, unter der Kontrolle des Regimes zu leben – und die nach Idlib deportiert wurden. Angesichts der gnadenlosen Verfolgung von Dissidenten haben sie allen Grund, um ihr Leben zu fürchten: Das Regime hat zu keinem Zeitpunkt Versöhnlichkeit erkennen lassen. Keine der Amnestien, die aus Damaskus in den vergangenen Jahren verkündet wurden, ist umgesetzt worden. Das Regime hat ungehindert alle Zusicherungen gebrochen, die es an Orten gemacht hat, wo zuvor als "lokale Verhandlungen" verbrämte Kapitulationen erzwungen wurden. In Moadhamiya und anderen Orten der im vergangenen Jahr eingenommenen Damaszener Vorstädte der östlichen Ghouta fährt das Regime mit den Verhaftungen derjenigen fort, die unter Rebellenkontrolle zivile Aufgaben übernommen hatten; es verhaftet und lässt verschwinden.

Aufgrund der starken Präsenz extremistischer Gruppen in Idlib haben viele Staaten, darunter Großbritannien, bereits jetzt ihre Unterstützung von Aktivisten in Idlib eingestellt – aus Angst, ihnen könne vorgeworfen werden, Islamisten zu finanzieren. Und wohl auch getrieben von der Hoffnung, könnte die immer prekärere Lage der HTS anlasten und diese isolieren. Damit fehlt es jedoch genau den zivilen Kräften an Unterstützung, die einer weiteren Radikalisierung entgegenwirken können.

Und selbst wenn es gelänge, dass Zivilisten und gemäßigte Gruppen sich von extremistischen Kräften distanzierten: Was soll dann mit Letzteren passieren, sowohl den innersyrischen als auch der beträchtlichen Zahl ausländischer Kämpfer? Werden sie dann für vogelfrei erklärt – von Staaten, die die Todesstrafe abgeschafft haben und rechtsstaatliche Verfahren für sich in Anspruch nehmen?

Bislang hat keines der Länder, aus denen die Zehntausenden ausländischen Kämpfer stammen, erwogen, diese zurücknehmen und ihnen den Prozess zu machen. Wenn es schon unpopulär ist, für Schutzbedürftige einen Ausweg zu finden, gilt dies erst recht für diejenigen, die der syrischen Bevölkerung ihre Vorstellungen islamistischer Lebensführung aufzwingen wollen und somit Teil des Problems sind. Für sie möchte keine der betreffenden Regierungen sich ihrer Verantwortung stellen.

Außenminister - Heiko Maas knüpft Wiederaufbau in Syrien an Reformen Der SPD-Politiker Heiko Maas hat Bedingungen für eine deutsche Beteiligung am Wiederaufbau in Syrien genannt. Den Menschen dort müsste Schutz vor staatlicher Verfolgung garantiert werden. © Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Assad ist der Einzige, der aufs Ganze geht

Gesetzt den Fall, westliche Staaten, die Türkei und Russland würden sich einig. Und zwar darüber, dass die Priorität in Idlib wäre, extremistische Kämpfer zu bekämpfen. Es wäre fraglich, inwieweit das tatsächlich das ist, was Russland will. Extremisten dienten auch im Falle Aleppos 2016 und Ghoutas im Frühjahr 2018 als Vorwand. Die Angebote des UN-Sondergesandten Staffan de Mistura und westlicher Staaten, Al-Kaida-nahe Kämpfer aus Aleppo oder Ghouta zu entfernen, waren Russland noch nicht einmal eine Antwort wert.

Gleichzeitig wäre eine solche Einigung noch kein Schritt in Richtung einer Lösung mit dem Regime. Denn dem ist es in dem gesamten Konflikt nie um spezifische Gruppen gegangen. Assad bekämpft nicht die Dschihadisten, sondern jeden, der nicht hundertprozentig loyal ist – ausweislich seiner kontinuierlichen Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen. Das Regime hat seine Unterstützer darauf eingeschworen, jeden Zentimeter syrischen Bodens wieder unter seine Kontrolle zu bringen.

Genau das unterscheidet das syrische Regime von seinen Unterstützern: Assad, getrieben von der Obsession, als Sieger im Konflikt dazustehen, ist der Einzige, der mit aller Macht die Rückeroberung Idlibs anstrebt. Die Verbündeten des Regimes, Russland und der Iran, sind weitaus weniger daran interessiert. Es ist klar, dass das Regime dies nicht ohne die Unterstützung der russischen Luftwaffe und der von Iran rekrutierten Milizen schaffen kann, während sie ihr Engagement lieber einschränken als ausweiten würden. Das hat innenpolitische Gründe, finanzielle.