Einen Tag nach den gescheiterten Bemühungen der Türkei um eine Waffenruhe im syrischen Idlib hat die syrische Regierung zusammen mit der russischen Luftwaffe nach Angaben von Aktivisten die schwersten Angriffe in der Region seit einem Monat geflogen. Der südliche Teil der Provinz und auch der Norden der angrenzenden Region Hama seien von etwa 90 Bombardements erschüttert worden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Es seien die heftigsten Angriffe, seit die Regierung in Damaskus und ihr Verbündeter Russland vor einem Monat eine Offensive angekündigt hatten. Mindestens vier Zivilisten seien getötet worden.

Die Informationen der Beobachtungsstelle können nicht unabhängig überprüft werden, die Organisation mit Sitz in London gilt jedoch als gut vernetzt, ihre Angaben treffen häufig zu.

Augenzeugen und Rettungskräfte berichteten außerdem von mehr als einem Dutzend syrischer Luftangriffe auf Dörfer und Städte, die von Aufständischen kontrolliert werden. Dabei hätten syrische Hubschrauber auch international geächtete Fassbomben auf zivile Wohngegenden in den Randbezirken des Ortes Chan Scheichun abgeworfen, hieß es von Anwohnern. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden mindestens drei Zivilisten in dem Dorf Abdeen im Süden der Provinz getötet.

Machthaber Baschar al-Assad plant offenbar eine groß angelegte Militäroffensive auf Idlib, das letzte Zentrum der Rebellen in Syrien. Beobachter befürchten viele Tote und Verletzte. In der von Dschihadisten und islamistischen Rebellengruppen kontrollierten Provinz im Nordwesten Syriens leben 2,9 Millionen Menschen, unter ihnen 1,4 Millionen Vertriebene aus anderen Landesteilen. Laut UN wird Idlib von rund 10.000 Milizionären gehalten. Die meisten von ihnen haben sich islamistischen Gruppierungen angeschlossen. Im Fall einer Großoffensive drohen erbitterte Kämpfe, da es für die Rebellen keine Ausweichmöglichkeit in Syrien mehr gibt.

Putin fordert "Auslöschung von Terroristen"

Der syrische UN-Botschafter im Weltsicherheitsrat, Baschar Dschaafari, erklärte, die Assad-Regierung sei entschlossen, syrisches Gebiet "von Terrorismus und ausländischer Besatzung zu befreien". Den bewaffneten Gruppen in Idlib sei viel Zeit gelassen worden, sich aufzulösen und sich von terroristischen Organisationen zu distanzieren. Dschaafari reagierte mit diesen Äußerungen auf das Treffen des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan, des iranischen Präsidenten Hassan Ruhani und des Kremlchefs Wladimir Putin. Sie hatten sich am Freitag bei einem Dreiergipfel in Teheran über die Lage in Idlib beraten. Dabei forderte Putin die "völlige Auslöschung von Terroristen". Ähnlich äußerte sich Ruhani, während Erdoğan für eine Waffenruhe warb.

Die USA rechnen damit, dass bei der Großoffensive auch Chemiewaffen zum Einsatz kommen könnten. Die US-Armee bereite sich militärisch vor, es gebe zu diesem Thema einen "Routinedialog" mit Präsident Donald Trump, sagte Generalstabschef Joseph Dunford am Samstag auf einer Indienreise. Es sei allerdings noch keine Entscheidung gefallen, ob die Vereinigten Staaten militärische Gewalt anwenden würden, sollte Syrien C-Waffen bei der Einnahme von Idlib einsetzen. Trump sei über die Entwicklung solcher Optionen unterrichtet. Das Weiße Haus hatte am Dienstag erklärt, im Falle eines Chemiewaffenangriffs auf Idlib würden die USA und ihre Verbündeten "schnell und angemessen" reagieren.

Die USA hatten zuletzt die Regierung in Damaskus vor dem Einsatz von C-Waffen gewarnt. Dem schloss sich am Donnerstag Frankreich an. Nach US-Angaben liegen zahlreiche Hinweise vor, dass die Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad einen derartigen Einsatz vorbereiteten. Im April 2017 und im April 2018 hatte die US-Luftwaffe Ziele in Syrien bombardiert, nachdem es dort mutmaßlich zu Giftgasangriffen gekommen war.