Ausgerechnet in Teheran verhandelten die Präsidenten von Iran, Russland und der Türkei vor laufender Kamera über Idlib. Die USA und Europa schauten von Ferne zu. Augenfälliger hätte man nicht demonstrieren können, wie sehr sich die politischen und strategischen Gewichte im Nahen Osten verlagert haben.

US-Präsident Donald Trump twitterte erst flehentlich, dann grollend, die Schlacht um die syrische Provinz Idlib abzublasen. Im Kampfgebiet selbst jedoch halten sich die Vereinigten Staaten auch diesmal wieder raus, wie schon im Juni bei der Regime-Offensive auf die andere so genannte Deeskalationszone im südlichen Daraa. Damals ließ das Pentagon die Rebellen per SMS wissen, sie könnten nicht mit amerikanischem Beistand rechnen.

Das Gleiche gilt auch für Europa. Der Nachbarkontinent spielte während der gesamten syrischen Tragödie nur den moralisch empörten Zaungast. Obwohl sich das Kriegsgeschehen nicht allzu weit von seinen eigenen Grenzen entfernt abspielte. Und obwohl Hunderttausende Syrerinnen und Syrer auf seinem Territorium Schutz suchten und suchen.

In den nächsten Tagen rollen wohl schon die Panzer

Nach dem erfolglosen Treffen in Teheran ist nun endgültig klar: Waffenstillstand und Verhandlungen wird es nicht geben, Idlib wird zur Todesfalle. Der russische Präsident Wladimir Putin und sein iranischer Amtskollege Hassan Ruhani ließen den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan auf offener Bühne und live im Fernsehen abblitzen. Er hatte noch einmal die Angst vor einer beispiellosen Tragödie für die gesamte Region beschworen. Doch genauso wie ihr Schützling, der syrische Präsident Baschar al-Assad, sind auch dessen Kriegshelfer Iran und Russland zu allem entschlossen. Koste es, was es wolle. Sie sehen sich kurz vor dem großen Ziel, den mehr als siebenjährigen Bürgerkrieg als Sieger zu beenden.

So werden die Panzer des Regimes wohl schon in den nächsten Tagen rollen. Und Assad kann nun endlich auch die letzte Rebellenprovinz erledigen, die zum Unglück ihrer Bewohner auch eine nie dagewesene Konzentration von Al-Kaida-Dschihadisten beherbergt. Genauso wie der syrische Diktator hegen die Terroristen keinerlei Skrupel, Frauen, Männer und Kinder der Zivilbevölkerung für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Was das für die mehr als drei Millionen Syrerinnen und Syrer von Idlib bedeutet, die nun zwischen die Fronten geraten, kann jeder ermessen, der das Inferno von Ostaleppo und Ostghuta noch in Erinnerung hat. Raketen Tag und Nacht, wochenlange Todesangst in dunklen, stickigen Kellern, zerstörte Krankenhäuser, Tag für Tag neue Verschüttete, begraben unter kollabierten Wohnblocks. Und am Ende eine elende Massenflucht verzweifelter und zerlumpter Menschen.

Hunderttausende könnten versuchen, die Grenzzäune zu stürmen, um auf der türkischen Seite ihr Leben zu retten. Und vielleicht winkt die türkische Regierung dann, überwältigt von der schieren Zahl der Neuankömmlinge und selbst in großen wirtschaftlichen Nöten, die Geflohenen in Richtung Europa weiter. Ein zweites Mal nach 2015.