Es gibt eine einfache Frage, die man der Europäischen Union derzeit stellen muss: Warum toleriert sie seit Jahren einen Sklavenmarkt vor ihrer Haustür? Warum werden in den Lagern in Libyen seit Jahren Menschen gefoltert, gequält und vergewaltigt? Warum geschieht nichts? Warum können die libyschen Sklaventreiber ihrem Geschäft ungestört nachgehen?

Die Lage ist kompliziert, gewiss. Aber sie war auch im Jahr 2011 kompliziert.

Doch damals haben die Europäer unter der Führung Frankreichs und Großbritanniens den bis auf die Zähne bewaffneten Muammar al-Gaddafi binnen Wochen weggebombt. Das kostete vermutlich alles in allem an die 30.000 Menschenleben, aber es ging schnell. Nach sechs Monaten Kampf war Gaddafi tot, von seinen Häschern erlegt und geschändet. Die selbst ernannte moralische Weltmacht Europa hatte geholfen, einem bösen Diktatoren den Garaus zu machen. Noch Fragen? Nein, sie gingen im großen europäischen Menschenrechtshurra unter.

Europa sollte sich also jetzt mal daran erinnern, dass es vor acht Jahren mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend lief.

Was machen die Kriegstreiber von damals eigentlich heute? England ist mit dem Brexit beschäftigt, und Frankreich versucht, wieder auf Augenhöhe mit Deutschland zu kommen. Ihre Kraftmeierei war von sehr kurzer Dauer, sie dauerte gerade mal einen Sommer lang.

Empörung bringt wenig. Meist hilft sie nur dem Empörten, sich besser zu fühlen – um sich dann erleichtert wieder anderem zuzuwenden, dem ganz normalen, immer noch recht ruhigen europäischen Alltag zum Beispiel.

Es braucht keine moralische Argumentation, um Europa mit Blick auf die Zustände in Libyen zum Handeln aufzufordern. Man muss nicht mal wütend sein, es reicht ein kühler Verstand. Es reicht ein strategisches Argument.

Die EU will sich von Trumps USA emanzipieren, Russland Paroli bieten und mit China auf Augenhöhe verhandeln. Aber diese EU wird von den Weltmächten nicht ernst genommen werden, solange sie einen Sklavenmarkt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft toleriert und solange sie nicht ihre Grenzen kontrollieren kann.

Wer auf der internationalen Bühne zählen will, muss seine Nachbarregion zumindest mitgestalten können. Die libyschen Milizen aber führen die EU vor. Täglich fügen sie der Glaubwürdigkeit der EU schweren Schaden zu.

Nein, die EU sollte nicht die Welt beglücken. Gott bewahre! Aber sie sollte dem Sklavenmarkt in Libyen ein Ende setzen. Wie? Nun ja, die europäischen Militärs und Geheimdienste sind in Libyen bestens vernetzt. Sie kennen die Sklaventreiber mit Namen und Nachnamen. Sie wissen alles über sie. Teilweise beziehen sie sogar Geld von der EU. Es ist Zeit, auf diese Leute gehörig Druck auszuüben. Die EU hat die Mittel dazu.

Und wenn das alles nicht hilft, dann müsste sich die EU mal überlegen, ob sie die Sklaven in Libyen nicht befreien sollte. In den schlimmen Lagern werden schätzungsweise einige Zehntausend Menschen gefangen gehalten. Die sollte sie rausholen, nach Europa bringen und ihnen dort oder in ihren Heimatländern eine Perspektive geben. Es wäre eine Aktion zur Befreiung von Sklaven. Sehr risikoreich, aber moralisch und politisch mehr als vertretbar. Es müsste eine einmalige Aktion bleiben. Wer sich danach noch nach Libyen aufmacht, der kann nicht mit einer solchen Rettung durch die EU rechnen.

Möglich, dass die Sklaventreiber ihre menschliche Ware nicht freiwillig hergeben. Aber Gaddafi hat auch nicht freiwillig die Macht abgegeben.