Seit Tagen erschüttern schwere Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen die libysche Hauptstadt Tripolis. Die von den Vereinten Nationen unterstützte Einheitsregierung hat in der Millionenmetropole den Ausnahmezustand ausgerufen. Im Chaos gefangen sind rund 8.000 Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende, die in Gefangenenlagern quer über Tripolis verteilt waren. Sie hatten zuvor versucht, mit dem Boot nach Europa zu kommen, waren dann von der libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht und gefangen genommen worden. In den Lagern haben viele Gewalt, Folter und sexuellen Missbrauch erlebt. Als die Kämpfe in Tripolis eskalierten, sind etliche Wärter geflohen. Sie haben Hunderte Menschen sich selbst überlassen – zum Teil ohne Wasser und Essen.

Als die Kämpfe begannen, erhielt unsere Autorin eine Nachricht auf WhatsApp. Sie war von einem Flüchtling in Tripolis, sein Bruder hatte die Nummer im Internet gefunden. Um sicherzustellen, dass der Mann der ist, für den er sich ausgibt, überprüfte sie die GPS-Koordinaten, Fotos und Details seiner Fluchtgeschichte. In den vergangenen Tagen kontaktierten sie weitere Flüchtlinge aus Tripolis. Einige harren noch in den Lagern aus, andere wurden von Milizen verschleppt, wieder andere haben Zuflucht in provisorischen Unterkünften gefunden, ein paar leben auf der Straße. Hier berichten zwei von ihrer desolaten Lage:

Telklemariam aus Eritrea: "Wir werden nie sicher sein in Libyen"

Man hat uns im Gefängnis in Ain Zara, einem Stadtteil von Tripolis, zwei Tage allein gelassen, als die Kämpfe begannen. Dann brachten uns libysche Sicherheitskräfte in ein anderes Viertel von Tripolis, in das Gefängnis Abu Salim. Dort haben sie uns erneut allein gelassen. Dieses Lager ist noch schlimmer als das in Ain Zara. Es ist sehr schmutzig. Wir leiden hier. Wir sind 500 Menschen, darunter 120 Frauen und 20 Kinder. Die Wärter haben uns zurückgelassen, weil sie sich selbst retten wollten. Die Menschen sind verängstigt und verwirrt. Als die Wärter fort waren, haben wir Männer die Türen zu den Räumen der Frauen aufgebrochen. Damit wir sie retten können, falls etwas Schlimmes passiert.

Der Krieg in Libyen wird immer schlimmer. Um uns herum stehen viele Gebäude in Flammen. Wir fürchten, dass wir unter Beschuss geraten und sterben könnten. Es waren schon Leute hier, die unser Lager plündern wollten. Einer hatte eine Waffe. Wir hatten Angst und die Frauen weinten. Wir haben kein Wasser und kein Essen. Wir können nicht mehr länger so ausharren, wir brauchen Nahrung. Die Kinder werden immer schwächer, einige der Erwachsenen sind schon zusammengeklappt.

Schon vor den Kämpfen war unsere Lage schlecht. Wir bekamen einmal am Tag zu essen und mussten dreckiges Wasser trinken. Es gab keine medizinische Versorgung, obwohl viele Leute krank sind. Drei Insassen sind an Tuberkulose gestorben. Das ist die gefährlichste Krankheit für uns, denn wir schlafen alle dicht an dicht gepresst. Die Wärter zwangen uns zu arbeiten. Sie schlugen die Christen, beleidigten sie und zerschnitten ihre Ketten, die ein Kreuz als Anhänger hatten. Sie vergewaltigten die Frauen.

Bevor ich vor einiger Zeit versuchte, nach Italien zu kommen, wurde ich zwei Jahre lang von Menschenhändlern festgehalten. Sie haben mich mit Elektroschocks gefoltert und meine Familie gezwungen, 12.000 US-Dollar (circa 10.000 Euro) zu zahlen. Ich selbst habe kein Geld mehr. So wie die anderen Migranten. Wir haben alle bereits einmal oder mehrere Male Geld an Schmuggler oder Milizen zahlen müssen. Wenn wir in Libyen bleiben, werden sie uns weiterhin wie eine Ware behandeln. Sie verkaufen uns einfach immer weiter. 

Die Leute von den Vereinten Nationen und internationalen Menschenrechtsorganisationen kamen nur sehr selten in unser Lager. Sie haben Angst vor den Libyern. Sie sprachen nicht mit uns. Sie gaben uns Shampoo und sagten: "Beruhigt euch, beruhigt euch." Die Leute von den Vereinten Nationen sagen, sie wollen uns helfen. Aber warum haben sie uns dann nie registriert? Warum kommen sie jetzt nicht, um uns zu helfen? Die Europäer sagen, sie seien so gebildet, und wir Afrikaner seien das nicht. Wie können sie das beurteilen? In unseren Ländern herrscht kein Frieden, wir haben nicht die Möglichkeiten, die sie haben. Trotzdem sind wir nicht dumm, wir sind keine Tiere. 

Wir werden nie sicher sein in Libyen. Auch wenn sie uns in andere Lager brächten, wäre es immer noch die Hölle für uns. Der einzige Ausweg ist, uns aus Libyen rauszubringen, in irgendein anderes, sicheres Land.  

Es ist eine Schande für die Vereinten Nationen, eine Schande für die Europäische Union. Die Europäer wissen genau, unter welchen schrecklichen Bedingungen wir hier leben. Sie helfen uns trotzdem nicht. Die Europäer sollten wissen, dass Flüchtlinge auch Menschen sind, so wie sie.

Wir können nur noch auf ein Wunder hoffen.

"Die Libyer sind außer Kontrolle"

Eromo aus Nigeria: "Wir rennen um unser Leben"

Was tut die internationale Gemeinschaft angesichts der dramatischen Lage in Tripolis? Nichts. Dabei wird die Lage zunehmend schwieriger und wir brauchen dringend Hilfe. Wir sind gefangen inmitten der Gefechte. Viele Menschen sind auf der Flucht.

Ich und einige andere Migranten versuchen nun, nach Süden, in die Stadt Sabha, zu gelangen und von dort raus aus Libyen zu kommen. Wir haben uns ein paar Libyern angeschlossen, die versuchen, einen Weg raus aus Tripolis zu finden. Ich weiß nicht, was mit den anderen Menschen aus Nigeria und Gambia passiert ist, mit denen ich vorher zusammen unterwegs war. Wir haben uns in dem Chaos verloren.

Ich war in einem Gefangenenlager, aber als die Kämpfe heftiger wurden, mussten die Milizen uns gehen lassen. Ich glaube, einige Migranten, die mit mir im Lager waren, wurden bei den Kämpfen getötet. Viele sind in ihrer Panik mitten in die Kampfzonen gerannt. Wir kennen uns in den libyschen Städten nicht so gut aus, wir waren ja die meiste Zeit in Lagern gefangen.

Wir haben noch keine Hilfe von den Vereinten Nationen oder sonst irgendwem erhalten. Auch hier hilft einem keiner, jeder schaut nur auf sich. Wir rennen um unser Leben. Selbst die Libyer brauchen jetzt Hilfe.  

Ich war vier Monate lang in Gefangenschaft. Davor habe ich versucht, nach Italien zu kommen, aber unser Boot wurde von der libyschen Küstenwache aufgehalten und wir Migranten wurden ins Gefängnis gesteckt. Jetzt will ich nicht mehr nach Europa, ich möchte nur noch nach Hause. Wir Migranten und Flüchtlinge sind alle schwer traumatisiert, nach dem Horror, den wir in Libyen erleiden mussten. Das Problem ist, dass ich in Nigeria nichts mehr habe. Ich musste alles verkaufen, um genug Geld für die Reise nach Libyen zusammenzubekommen. Ich müsste in Nigeria noch mal ganz von vorn anfangen.

Die Libyer sind die schrecklichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Sie verkaufen Menschen, sie haben unzählige Nigerianer weiterverkauft. Sie foltern und bringen Menschen um und niemand bestraft sie dafür. Die Libyer sind außer Kontrolle.

Ich glaube, die Situation wird jetzt noch schlechter werden. Viele rivalisierende Milizen nutzen das Chaos aus, um sich zu verbünden und mehr Einfluss zu bekommen. Die beiden rivalisierenden Regierungen wollen sich jeweils die Macht über Tripolis sichern. Für uns, die Migranten, ist das alles eine Katastrophe. 

Übersetzt und bearbeitet von Andrea Backhaus