Sir Nicholas William Peter Clegg war von 2010 bis 2015 stellvertretender Premierminister des Vereinigten Königreichs und von 2007 bis 2015 Parteichef der Liberal Democrats. Er macht sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stark.

ZEIT ONLINE: Sir Nick, Sie wollen den Brexit stoppen. Wie möchten Sie das anstellen?

Nick Clegg: Die Abgeordneten im britischen Parlament müssen Theresa Mays Brexit-Plan ablehnen. Tatsächlich steigt derzeit die Wahrscheinlichkeit, dass May keine Mehrheit für ihren Brexit bekommt. Natürlich würde eine solche Entscheidung eine politische und verfassungsrechtliche Krise in Großbritannien auslösen. Deshalb ist es notwendig, dass die EU Großbritannien mehr Zeit einräumt. Denn bei einem Nein im Parlament könnte Großbritannien weder vor noch zurück. London könnte den Brexit weder absagen noch vollziehen. Gäbe es mehr Zeit, könnte Großbritannien in Ruhe seine künftige Rolle und Position innerhalb der EU finden. Das hoffe ich zumindest. 

ZEIT ONLINE: Das britische Parlament sollte in jedem Fall Nein sagen, egal welchen Kompromiss für den Ausstieg May präsentiert?

Clegg: Sie wird keinen sinnvollen Vorschlag unterbreiten können. Das ist unmöglich.

ZEIT ONLINE: Warum?

Clegg: Ein sogenannter weicher Brexit, wie ihn May sich vorstellt, ist die schlimmste aller Varianten. Großbritannien wäre außerhalb der EU, müsste aber alle Regeln und Vorschriften weiter einhalten. Statt Souveränität zurückzugewinnen, verlören die Briten Mitsprache und Kontrolle. Ein harter Brexit wäre demgegenüber ein ökonomisch sehr chaotischer Vorgang. Niemand kann das wirklich wollen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie einen Spielraum für ein zweites Referendum?

Den Bürgern wurde eine Reihe von Lügen aufgetischt.
Nick Clegg

Clegg: Wenn überhaupt, wäre es kein zweites Referendum. Man kann den Bürgern nicht einfach dieselbe Frage noch einmal vorlegen. Aber was ich sehr befürworte, ist eine Volksabstimmung über eine ausverhandelte Brexit-Variante und über einen Verbleib in der Europäischen Union.

ZEIT ONLINE: Was wäre der Unterschied zum ersten Referendum?

Clegg: Es gab eine Abstimmung, in der sich eine sehr knappe Mehrheit für einen Austritt aus der EU entschieden hat. Wenn lediglich 600.000 Wähler anders gestimmt hätten, würden wir hier nicht sitzen und über den Brexit debattieren. Den Bürgern wurde eine Reihe von Lügen aufgetischt – beispielsweise über die ökonomischen Perspektiven außerhalb der EU oder das britische Gesundheitssystem. Zwei Jahre später wissen sie, dass die Realität eine ganz andere ist. Keines der Versprechen von Scharlatanen wie Nigel Farage oder Boris Johnson hat sich erfüllt. Der Brexit ist in Wahrheit langwierig, kompliziert und teuer. Und in allen möglichen Szenarien ist Großbritannien am Ende ärmer. Deshalb sollten die Bürger erneut entscheiden.

ZEIT ONLINE: Und wenn das Ergebnis eines solchen Volksentscheides wieder sehr knapp ausfällt, was machen Sie dann?

Clegg: Dann haben wir nichts erreicht, nichts gewonnen. Daran glaube ich aber nicht. Die Stimmung ändert sich gerade: Laut einer aktuellen Umfrage sind mittlerweile 59 Prozent für einen Verbleib in der EU. Gerade unter den jungen Wählern spricht sich eine überwältigende Mehrheit für eine EU-Mitgliedschaft Großbritanniens aus. Und diesmal würden wahrscheinlich auch mehr von ihnen ihre Stimme abgeben.

Boris Johnson war "der schlimmste Außenminister seit Jahren"

ZEIT ONLINE: Für ein Nein im Parlament und eine mögliche neue Volksabstimmung braucht es allerdings den Labour-Chef Jeremy Corbyn. Der hat sich aber bislang betont unklar geäußert. Glauben Sie, er möchte etwas dazu beitragen, den Brexit zu stoppen?

Clegg: Ich glaube nicht, dass Jeremy Corbyn für die gesamte Partei spricht, wenn es um den Brexit geht. Er ist ein erzkonservativer Sozialist aus den Neunzigerjahren. Corbyn glaubt, die EU sei ein neoliberaler Laden, dem es nur um Deregulierung und freie Märkte gehe. Aber seine ganze Partei widerspricht ihm da, seine Anhänger widersprechen ihm. Viele der jungen Menschen, die sich ihm in jüngster Zeit angeschlossen haben, sind glühende Anhänger der Europäischen Union.

ZEIT ONLINE: Sollte May wirklich keine Mehrheit im Parlament für ihren Brexit-Plan bekommen, muss sie dann nicht zurücktreten?

Boris Johnson schafft es auf wunderbare Weise, große Eitelkeit mit Mittelmäßigkeit zu verbinden.
Nick Clegg

Clegg: Diese Frage ist für mich nicht wichtig. Aber sie ist eine schlechte Premierministerin, je eher sie geht, desto besser. 

ZEIT ONLINE: Aber dann übernimmt vielleicht Boris Johnson.

Clegg: Nein, das glaube ich nicht. Boris Johnson schafft es auf wunderbare Weise, große Eitelkeit mit Mittelmäßigkeit zu verbinden. Er war der schlimmste Außenminister Großbritanniens seit Jahren. Und doch glaubt er, er sei mit Winston Churchill vergleichbar. Lächerlich.

ZEIT ONLINE: Trotzdem ist er populär in Großbritannien.

© Caroline Scharff für ZEIT ONLINE

Clegg: Wir haben in Großbritannien viele Politiker, die aus einem Cartoon stammen könnten und deshalb von den Medien geliebt werden. Sie sagen blumige Dinge und tragen verrückte Klamotten und bekommen eine Menge Aufmerksamkeit. Aber Sie dürfen Lärm nicht mit Popularität verwechseln. Boris Johnson mag in sehr, sehr kleinen Kreisen der Tory-Anhänger populär sein. Aber die meisten Briten sehen in ihm den Typen, der die Wähler angelogen hat. Niemand kann ihn wirklich noch ernst nehmen.

ZEIT ONLINE: Wer könnte Theresa May überhaupt ersetzen? 

Clegg: Ganz ehrlich: Das kümmert mich wenig. Für mich ist die Zukunft des Landes, in dem meine Kinder groß werden, viel wichtiger. Wir müssen eine Möglichkeit finden, die Pause-Taste zu drücken, und Großbritannien Zeit geben, alles noch mal in Ruhe zu überdenken, wieder auf die Füße zu kommen. Niemand in Europa kann ein auf Dauer verwundetes und gespaltenes Großbritannien wollen, das einfach so aus der EU herausfliegt.

ZEIT ONLINE: Der Schaden für Großbritannien wäre größer als der für die EU, oder?

Clegg: Ja. Aber es wäre so, als ob man sagt, ich schieße viermal auf mich und nur zweimal auf dich. Und deshalb geht es dir danach besser als mir. 

"Im Großen und Ganzen hat sich die EU sehr rational verhalten"

Nick Clegg © Caroline Scharff für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Möglich ist auch, dass sich EU und Großbritannien gar nicht auf die Bedingungen des Ausstiegs und die Beziehung danach einigen können. Was würde in Fall eines solchen No-Deal-Brexit passieren?

Clegg: Wissen Sie, es wird so viel Unsinn erzählt. Ist es wirklich realistisch, dass am 29. März um 23 Uhr abends eine Volkswirtschaft von der Größe Großbritanniens, die drittgrößte der EU, ohne Einigung, ohne einen Plan aus der EU austritt? Ich glaube nicht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Clegg: Für beide Seiten ist es praktisch, immer wieder vor einem No Deal zu warnen. Theresa May kann so zu Hause behaupten: Es gibt keine wirkliche Alternative zu meinem Plan. Und der Brexit-Unterhändler der EU, Michel Barnier, kann dem Rest der EU vermitteln: Wir bleiben hart.

Die EU hat all die Probleme nicht verursacht, das waren die verrückten Brexiteers und Rupert Murdoch mit seinen Zeitungen.
Nick Clegg

Es widerspricht jedoch jedweder Logik, dass ein mündiger Kontinent wie Europa so etwas zulassen würde. Ich habe jahrelang in Brüssel Handelsfragen verhandelt. Es ist kein einziges Mal vorgekommen, wirklich kein einziges Mal, dass diese Verhandlungen pünktlich abgeschlossen worden wären. Die EU hat dann einfach die Uhr angehalten. Das wird sie auch diesmal tun.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie die Position der EU in den Verhandlungen? Michel Barnier hat Mays Chequers-Plan, also die Binnenmarktregeln für Güter beizubehalten, als Rosinenpickerei abgelehnt.

Clegg: Im Großen und Ganzen hat sich die EU sehr rational verhalten. Die EU hat all die Probleme auch nicht verursacht, das waren die verrückten Brexiteers und Rupert Murdoch mit seinen Zeitungen. Die EU hat ihr Bedauern über die Brexit-Entscheidung ausgedrückt und hat zugesichert, dass Großbritannien jederzeit wieder willkommen wäre, wenn es seine Meinung ändern sollte. In der Zwischenzeit muss sie die Integrität der restlichen EU verteidigen.

ZEIT ONLINE: Das Brexit-Referendum hat auch offenbart, wie tief gespalten Großbritannien ist. Wie kann das Land wieder mit sich versöhnt werden?

Clegg: Der Ursprung dieser Spaltung liegt nicht in der Brexit-Debatte, sondern in der Finanzkrise von 2008. In Großbritannien ist damals ein total aufgeblähter Finanzsektor in die Luft geflogen. Die Rechnung haben die einfachen Briten bezahlt. Die Realeinkommen in Großbritannien werden erst wieder 2023 das Niveau von 2008 erreichen. Millionen von Briten müssen für den gleichen Lohn länger arbeiten, dabei haben sie nichts falsch gemacht. Und die Banker machen einfach so weiter wie zuvor. Dass das Ärger hervorruft, ist nur zu verständlich.

ZEIT ONLINE: Und was kann dagegen getan werden?

Clegg: Großbritannien muss sich reformieren. Wir müssen das Steuersystem ändern, mehr in Bildung investieren, mehr Häuser bauen, eine vernünftige Gesundheitsvorsorge bereitstellen. Aber statt das in Angriff zu nehmen, ist der gesamte britische Regierungsapparat mit dem Brexit beschäftigt.