Am 1. Oktober ist es ein Jahr her, dass die katalanische Regierung versucht hat, sich mit einem Unabhängigkeitsreferendum von Spanien abzuspalten. Viele erinnern sich noch an die Bilder von der spanischen Nationalpolizei Guardia Civil, die in manchen Wahllokalen auf Bürger einschlug. 

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass das Referendum illegal war. Das hatte der Oberste Gerichtshof Spaniens festgestellt, somit gab es keine rechtliche Grundlage für die Volksbefragung. Die Guardia Civil erhielt daher den staatlichen Auftrag, die Wahl zu verhindern. Die katalanische Regierung entschied deshalb kurzerhand, dass jeder dort wählen durfte, wo es für ihn am einfachsten war. So gaben beispielsweise viele Personen in auf Straßen errichteten Wahlurnen ihre Stimme ab. Manche sogar mehrfach – und zwar, ohne dass sie sich für die Wahl ausweisen mussten.

Das Ergebnis, das die katalanischen Behörden veröffentlichten, entsprach interessanterweise trotzdem fast exakt dem der letzten Regionalwahlen: Katalonien ist zweigeteilt in diejenigen, die für die Unabhängigkeit sind und jene, die diese strikt ablehnen. 42 Prozent der Katalanen nahmen laut den katalanischen Behörden an dem illegalen Referendum teil, 90 Prozent von ihnen stimmten für die Unabhängigkeit.

So sind die Fakten.

Daneben gibt es die vielen Interpretationen der Ereignisse. Sie unterscheiden sich nach Lagern: das der Befürworter und das der Gegner. Und so sind inzwischen zwei unvereinbare Narrative über die katalanische Krise entstanden, die Zweifel darüber lassen, wie der katalanische Unabhängigkeitskonflikt gelöst werden kann.

Brexit und Catexit

Die katalanische Unabhängigkeitsfrage und der Brexit sind natürlich unterschiedliche Fälle. Doch haben sie Parallelen, zum Beispiel, dass sowohl beim Brexit als auch in der katalanischen Causa die Emotionen über interessengeleitete oder pragmatische Annahmen dominieren. In der Brexit-Kampagne wurde die Arbeit der Expertinnen und Experten, die die Konsequenzen eines EU-Austritts ermittelt hatten, von den brexiteers für nichtig erklärt. Die Experten wurden einfach in die Ecke der technokratischen EU-Eliten gestellt. 

Die "patriotische Entscheidung" hingegen war die Trennung von der EU. Für den Brexit zu sein, wurde somit zu einer quasi-moralischen Sache. Oder, um es mit anderen Worten auszudrücken: Es dominierte das, was Jonathan Haidt als tribal morality bezeichnet: In dieser Theorie gehen die bekannten Moralvorstellungen über "gut und schlecht" auf in ein "wir gegen sie". Diese – frei übersetzt – Stammesmoral  "vereint und macht blind" zugleich, wie Haidt schreibt: Es definiert die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, verbietet uns aber, die Perspektive des Andersdenkenden zu sehen.

In der ganzen Debatte um die Unabhängigkeit Kataloniens wurde viel über Emotionen, aber fast nie über Interessen gesprochen. Am Anfang versuchte die spanische Zentralregierung in Madrid, zu erklären, dass ein unabhängiges Katalonien außerhalb der EU stehen würde. Doch das schien unwichtig. Die Stimmen derjenigen, die darauf verwiesen, wie wichtig Katalonien mit 19 Prozent des Bruttoinlandseinkommens auch für Spaniens Wirtschaft ist, wurden nicht gehört. Ein Fetischismus des unbedingten Rechts auf ein Unabhängigkeitsreferedum legte sich über vernünftigere Annahmen. Die Anführer der Konfliktparteien ließen sich von ihren Emotionen leiten und vergaßen jegliche Verantwortungsethik. 

Das gegenseitige Verstehen verlernt

Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Brexit ist, dass sich die gesellschaftliche Stimmung sehr schnell polarisierte. Zwar gab es in Katalonien nie zwei eindeutig zu unterscheidende Communitys, viele Katalanen fühlten sich sowohl als Katalanen als auch als Spanier, diese doppelte Identität war in der Region lange kein Thema. Doch dieses Gefühl endete jäh, als die separatistischen Regierungsparteien ihre Idee einer "einseitigen Ablösung" von Spanien präsentierten und als eine "existenzielle Entscheidung" bezeichneten und fortan im Freund-Feind-Schema Politik machten. Eine Mittelposition gab es nicht mehr, stattdessen hieß es: sie oder wir, keine Kompromisse. Und so wurde das Unabhängigkeitsreferendum zur einzigen Alternative. Allerdings hat der Brexit gezeigt, dass ein Referendum eben weit davon entfernt ist, Probleme zu lösen. Sondern dass es eher dazu dient, die Gegner noch weiter voneinander zu entfernen.

Auf überraschende Weise – und ähnlich wie der griechische Stratege Thukydides es über den Peloponnesischen Bürgerkrieg berichtete – haben auch wir in der Krise das gegenseitige Verstehen verlernt. Wörter wie Demokratie und Freiheit, deren Bedeutungen wir immer für klar hielten, sind plötzlich zu Hüllen geworden, die jede Partei mit etwas anderem füllt. Sie sind "leere Signifikanten" (Ernesto Laclau), die jede Seite für sich und ihre politischen Ziele beansprucht.