Wer Donald Trumps wachsende Wut über die Russland-Ermittlungen beobachtet hat, konnte sich schon lange fragen: Wie lange behält Rod Rosenstein seinen Job noch? Dafür brauchte es nicht erst die jüngsten Recherchen, nach denen der zweite Mann im US-Justizministerium im vergangenen Jahr intern vorgeschlagen haben soll, den Präsidenten heimlich aufzunehmen. Damit habe er das Chaos in der Regierung offenbaren und Material sammeln wollen, damit Trump vom Kabinett für amtsunfähig erklärt werden könnte, berichtete die New York Times im September. Die Episode – wenn sie denn stimmt – hätte Rosensteins Schicksal endgültig besiegeln können, ein Problem hat Trump schon lange mit ihm. Das allerdings hätte eine mögliche Entlassung nicht gelöst. Also darf er vorerst bleiben.

Rosenstein hatte im Mai 2017 den Sonderermittler Robert Mueller eingesetzt und verantwortet dessen Arbeit, nachdem Justizminister Jeff Sessions wegen möglicher Befangenheit die Zuständigkeit abgegeben hatte. Und egal, wie groß der Druck wurde, nun endlich zu einem Ende zu kommen, oder wie sehr Trump auch die Ermittlungen als "Hexenjagd" seiner politischen Gegner diskreditierte – Rosenstein ließ keinen Zweifel daran, dass er Mueller schützen würde. Der Sonderermittler und sein Team sollen vor allem herausfinden, ob Trump und seine Leute mit Russland gemeinsame Sache gemacht haben, um die Wahl 2016 zu manipulieren, und ob der Präsident mit der Entlassung des damaligen FBI-Chefs James Comey und anderen Eingriffen die Justiz behindert hat. Rosenstein würde am Ende auch über die Konsequenzen entscheiden, könnte beispielsweise dem Kongress ein Amtsenthebungsverfahren empfehlen.

Glaubt Trump der New York Times – deren Berichterstattung er ja unablässig als Fake-News verhöhnt –, hätte er allen Grund gehabt, Rosenstein zu entlassen. Kurz schien es, als könnte der Vizejustizminister selbst zurücktreten, die Lage war chaotisch: Erst hieß es, er habe es bereits getan, dann sollte er es im Weißen Haus nur angeboten haben; ein anderer Bericht behauptete, er weigere sich strikt – vor einem geplanten Treffen mit Trump schien alles möglich. Der Präsident ließ wissen, die beiden hätten bereits ein "gutes Gespräch gehabt", der Vizejustizminister habe ihm am Telefon gesagt, dass die Geschichte nicht stimme: "Er sagte, er hat großen Respekt vor mir. Und er war sehr nett. Wir werden sehen." Das Treffen der beiden wurde dann mehrfach verschoben, weil der Kampf um die Ernennung Brett Kavanaughs für den Supreme Court Trumps ganze Aufmerksamkeit forderte – und weitere schlechte Nachrichten nicht davon ablenken sollten. Nun teilte der Präsident mit, er habe keine Pläne, Rosenstein zu entlassen, das Verhältnis zu ihm nannte er eine "sehr gute Beziehung". Gemeinsam flogen beide zu einem Auftritt Trumps in Florida.

Nicht vor den Kongresswahlen

Trump hatte schon früh gesagt, als nach der Abhörgeschichte viele Beobachter die Entlassung des Vizejustizministers fürchteten, er "würde es sehr bevorzugen, Rod Rosenstein zu behalten". Dafür gibt es viele Gründe.

Zunächst: Die Frage, wer nach Rosensteins Ausscheiden die Russland-Ermittlungen übernommen hätte, ist kompliziert. In der Hierarchie des Ministeriums ist die Nummer drei derzeit nur übergangsweise besetzt. Rachel Brand war 2017 von Trump ernannt und vom Senat bestätigt worden, verließ den Posten aber im Februar und wechselte in die Privatwirtschaft. Demnach hätte die Nummer vier übernehmen müssen, der Oberste Anwalt der Vereinigten Staaten Noel Francisco. Dessen frühere Kanzlei jedoch ist weiterhin für Trumps Wahlkampagne tätig, er hätte sich womöglich für befangen erklären müssen. Und wer auch immer die Aufsicht über die Ermittlungen in die Hand genommen hätte: Er oder sie hätte sich weigern können, Mueller zu entlassen, um einen solchen massiven Versuch der Justizbehinderung nicht persönlich mit zu verantworten – mit offenem Ausgang dieser Krise.

Schwierig wäre aber nicht nur die unmittelbare Zuständigkeit gewesen, wenn der Vizejustizminister gegangen wäre. Hätte Trump einen Nachfolger nominiert, hätte der im Regelfall vom Senat bestätigt werden müssen. Das wäre ein langwieriger und heikler Prozess geworden, nicht nur, weil im November die Kongresswahlen anstehen. Die Senatoren hätten von jedem Kandidaten ganz genau wissen wollen, wie er oder sie zu einer möglichen Entlassung Muellers und den Bedingungen seiner Arbeit steht. Trump hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er im Justizministerium jemanden sehen will, der ihm die Ermittlungen vom Hals hält und sie möglichst schnell beendet. Die Chancen, dass der Senat jemanden bestätigt hätte, der in diesem Sinne handelt, waren äußerst gering. Denn nicht nur die Demokraten wollen Mueller schützen. Auch viele Republikaner – die sonst nicht zimperlich sind, um mit Trump ihre Politik durchzusetzen – halten eine Entlassung Muellers für inakzeptabel.