Rudy Giuliani geht seit Monaten auf Sendung, für ihn sind die Mikrofone in diesen Tagen immer offen. Der einst beliebte wie gefürchtete New Yorker Ex-Bürgermeister und heute medial berüchtigte Anwalt des US-Präsidenten ist derart präsent – es muss kaum auszuhalten sein für Donald Trump. Den mächtigen Klienten im Weißen Haus wird dabei kaum die Sorge umtreiben, sein Mann für die laufenden Ermittlungen gegen ihn könne zu wenig Zeit finden, sich in Akten zu vertiefen, heikle Verhandlungen zu führen, juristisch sensible Vorgänge mit ausgefeilten Einlassungen unter Kontrolle zu halten. Trump mag es nicht, wenn andere mehr Aufmerksamkeit genießen als er selbst. Doch diesen Kummer schluckt er, denn der kauzige Giuliani macht den Job, für den er geholt wurde. Und dafür muss er nicht am Schreibtisch sitzen.

Wüsste man nicht, dass Giuliani einmal äußerst erfolgreich als Staatsanwalt war, in den Achtzigern Mafiabosse, korrupte Politiker und Wall-Street-Betrüger ins Gefängnis brachte – man würde es heute nicht vermuten, wenn dieser Mann vor die Kamera tritt. Der Versuch muss scheitern, sich einen Reim auf die unzähligen Interviews und aggressiven Statements zu machen, in denen er sich selbst widerspricht, mal dies, mal jenes behauptet. Da spricht kein kühler Jurist, der immer nur einräumt, was nicht mehr abzustreiten ist, der viel redet, um wenig zu sagen, und dabei kohärent bleibt. Giuliani ist nicht auf Präzision und Eindämmung aus, um seinen Mandanten zu schützen. Sein Modus ist der eines verzogenen Kampfhunds an der langen Leine: Niemand schaut mehr auf den Besitzer, wenn er die Zähne zeigt.

Es gibt das böse Wort vom Rechtsverdreher, Giuliani ist eher der Realitätsverdreher: Ein paar hingeworfene Sätze, schon ist wieder alles auf den Kopf gestellt. Immer neue Versionen entstehen so etwa von dem Treffen, bei dem sich Donald Trump junior, Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und Paul Manafort von russischer Seite vernichtende Informationen über die gegnerische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton erhofften. Ganz ohne Not gibt Giuliani dabei schon mal Details preis, die Trump durchaus schaden können. Leicht setzt sich so der Eindruck fest, der Anwalt habe gar keine Ahnung, wovon er spricht. Mehr noch, dass seine lose Zunge den Ärger für Trump eher vergrößert als den Schaden gering zu halten. Und woran soll man sich halten, wenn jeden Tag alles anders klingt und nicht einmal sicher ist, was überhaupt ernst gemeint ist? Eben: Giuliani will gar nicht dazu beitragen, dass die Fakten klar bleiben, die Verwirrung ist sein Ziel.

"Es geht um eine Version der Wahrheit, nicht um die Wahrheit"

Juristisch ist dieses Spektakel nicht geeignet, die Ausgangslage für Trump gegenüber dem Sonderermittler Robert Mueller zu verbessern. Dessen Team verhandelt schon seit Längerem mit Trumps Anwälten über eine persönliche Befragung des Präsidenten. Kommt es irgendwann so weit, das ist Giuliani völlig klar, müssen sie genau das fürchten: dass man Trumps Version nicht glauben wird nach all dem Hin und Her, all den Lügen. Aber statt an der Glaubwürdigkeit seines Mandanten zu arbeiten, damit er besser dasteht, versucht Giuliani die Glaubwürdigkeit aller anderen auf Trumps Niveau herunterzuziehen. Das Gerangel um die Rahmenbedingungen für eine Befragung hilft vor allem, Zeit zu gewinnen. Eigentlich ist Giuliani dagegen.

Wie weit kollaborierten Trumps Leute mit russischen Akteuren, um die Wahl 2016 zu beeinflussen? Wie steht es mit der Behinderung der Justiz? Während die Ermittler nach der Wahrheit suchen, behauptet der Anwalt des Präsidenten, sie liege im Auge des Betrachters, ja es gebe sie gar nicht – ganz wie sein Chef. Oder wie Giuliani in einem seiner Fernsehauftritte vielsagend feststellte: "Es geht um eine Version der Wahrheit, nicht um die Wahrheit."

"Alles, was ihnen bleibt, ist einen Bericht zu schreiben"

Die Strategie dahinter ist offensichtlich. Giuliani hat sie schon zu Beginn seiner Tätigkeit für Trump formuliert. Der Präsident müsse sich keine Sorgen machen, sagte er im Mai, weil der Sonderermittler ihn strafrechtlich nicht anklagen könne: "Alles, was ihnen bleibt, ist einen Bericht zu schreiben." Weil es demnach nicht zu einem Prozess kommen kann, konzentriert sich Giuliani ganz auf ein mögliches Amtsenthebungsverfahren auf der Grundlage von Muellers Erkenntnissen. Und ob es zum impeachment kommt beziehungsweise wie es ausgeht, dafür sind eben nicht nur die Fakten maßgeblich, wie der Anwalt jüngst freimütig gegenüber dem New Yorker feststellte: "Was am entscheidendsten sein wird, ist die öffentliche Meinung", also sei die Wahrnehmung von Mueller ebenso wichtig wie die von Trump. Wenn der Sonderermittler weiter als der "weiße Ritter" dastehe, werde es wahrscheinlicher, dass der Kongress sich irgendwann gegen den Präsidenten wende.

Giulianis Angriffe auf Muellers Reputation, die Trumps frühmorgens getwitterten Tiraden kaum nachstehen, sind damit keine unkontrollierten Ausbrüche eines Stümpers: Sie sind die beste Verteidigung, die er dem Präsidenten bieten kann. Und er tut es ja auch gern, verlangt nicht einmal ein Honorar für seine Arbeit. Giuliani hat sich Trump voll und ganz verschrieben. Er dürfte einer der wenigen echten Freunde sein, die er noch hat.