Es gab eine Zeit, als die Moskauer den Gorki-Park mieden. Mit den Schlaglöchern, den baufälligen Resten eines noch unter Stalin eröffneten Vergnügungsparks und schäbigen Verkaufsbuden galt er lange als Symbol des postsowjetischen Verfalls. Doch inzwischen hat sich der Park zum Hotspot gemausert: Junge Moskauer rollen auf Inlineskates über die Uferpromenade, trinken ihren Skinny Latte Macchiato auf den Parkbänken oder kreisen in Tretbooten auf dem kleinen Baggerteich. Kulturliebhaber spazieren durch die "Garage", ein vom niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas entworfenes Zentrum für zeitgenössische Kunst. Am Abend wummert der Bass über den perfekt getrimmten Rasen und die bunten Blumenbeete.

Vom Schandfleck zum neuen Hipster-Mekka: Fast ist es so, als wehe wieder der Wind of Change durch den Park am rechten Ufer der Moskwa, den die deutschen Softrocker Scorpions 1990 berühmt machten: "I follow the Moskva / down to Gorky Park / listening to the wind of change." Für die Moskauer Stadtverwaltung steht der Gorki-Park sinnbildlich für die Entwicklung in der mit 12 Millionen Einwohnern größten Stadt Europas: Hipper, sportlicher, sicherer und grüner sei Moskau in den vergangenen Jahren geworden. So wollen es zumindest die vielen Wahlplakate glauben machen, die wenige Tage vor den Bürgermeisterwahlen am 9. September die Straßen der russischen Hauptstadt säumen.

"Moskau braucht deine Stimme" © Simone Brunner

Der kremltreue Amtsinhaber Sergej Sobjanin muss sich um seine Wiederwahl keine Sorgen machen – was freilich daran liegt, dass schon im Vorfeld alle Oppositionskandidaten ausgesiebt worden sind. Das Wahlgesetz schreibt den Kandidaten vor, eine Mindestanzahl an Unterschriften von lokalen Abgeordneten zu sammeln, unter denen die Kremlpartei Einiges Russland den Ton angibt. Eine Hürde, an der selbst die aussichtsreichsten Gegenkandidaten Dmitrij Gudkow und Ilja Jaschin, Unterstützer des bekannten Oppositionellen Alexej Nawalny, gescheitert sind. So bleiben vier systemkonforme Kandidaten übrig, die am Sonntag gegen Sobjanin antreten. Laut staatlichem Umfrageinstitut WZIOM kommt der Amtsinhaber auf 65 Prozent der Stimmen.

Alexander Klimow macht als Freiwilliger Wahlkampf für den Amtsinhaber. © Simone Brunner

So macht der Wahlkampf den Eindruck einer gut geölten PR-Maschine. Fahrradbrigaden radeln mit Flaggen durch die Stadt, auf denen steht: "Sobjanin ist mein Bürgermeister!" Auf den Bildschirmen in der Moskauer Metro wird für das Freizeitprogramm in den neu renovierten Parks geworben. In sozialen Medien wird unter dem Hashtag #zaSobyanina seit Wochen für den 60-jährigen "City-Manager" Stimmung gemacht. Mangels freier und fairer Wahlen wird es wohl eher die Aufgabe des Wahlkampfs sein, zumindest eine passable Wahlbeteiligung zu erreichen, um die Legitimität der Wiederwahl nicht infrage zu stellen – ähnlich wie bei den Präsidentschaftswahlen im März dieses Jahres.

Jekaterina Korschunowa engagiert sich ebenfalls als Freiwillige für den Amtsinhaber. © Simone Brunner

Auch im Wahlkampfstab in einem großzügig verglasten "Digital Business Hub" am Moskauer Gartenring werden die Errungenschaften der sobjaninschen Stadtpolitik durchdekliniert. Fast 11.000 Freiwillige sollen dafür sorgen, die Kunde von der schönen neuen Lebensqualität Moskaus unter das Wahlvolk zu bringen. Eine Uhr zählt den Countdown bis zum Wahltag herunter, junge Freiwillige fläzen sich auf bunten Sitzsäcken und tippen in ihre Laptops. Wie Jekaterina Korschunowa. "Wenn ich das Moskau von heute mit dem Moskau meiner Jugend vergleiche, dann ist das hundert zu eins", sagt die 26-jährige PR-Expertin. "Moskau ist sauberer, sicherer und interessanter geworden." Dem 20-jährigen Studenten Alexander Klimow kommt als erstes der Moskauer Zentrale Ring in den Sinn, eine neue Zugstrecke, die seit 2016 die äußeren Moskauer Metrostationen miteinander verbindet. "Das hat das Leben von Millionen Moskauern verbessert", sagt er. "Ich selbst bin dadurch 20 Minuten schneller an der Uni."