Selten lagen Triumph und Hilflosigkeit der russischen Opposition so nah beieinander wie gerade. In Moskau hatten sich am Montagmorgen für Alexej Nawalny nach einer 30-tägigen Administrativhaft die Gefängnistore geöffnet. Fotoapparate klickten, ein Fernsehteam richtete seine Kamera auf ihn. Doch schon nach wenigen Sekunden versperrten Polizisten dem Oppositionellen den Weg und führten den gerade freigelassenen Politiker gleich wieder ab und verfrachteten ihn in einen Polizeibus. 

Der Vorwurf: Er soll erneut wegen eines Aufrufs zu einer von Behörden verbotenen Demonstration vor Gericht. Noch am späten Montagabend wurde Nawalny zu weiteren 20 Tagen Haft verurteilt. Seinen Anhängerinnen und Anhängern blieb nur, wieder einmal tatenlos zuzuschauen, wie der Politiker erneut in Polizeigewahrsam verschwand, ohne auch nur eine Minute in Freiheit verbracht zu haben.

Etwa zur gleichen Zeit spielten sich nur wenige Stunden östlich von Moskau entfernt ganz andere Szenen ab. In den Wahllokalen der Region Wladimir wurden gerade die letzten Stimmzettel bei der Stichwahl des Gouverneurs ausgezählt und es zeigte sich immer deutlicher, dass die Kandidatin des Kremls, Swetlana Orlowa, ein Fiasko erlebt. Der Gouverneursposten ist vergleichbar mit dem eines Ministerpräsidenten in Deutschland, auch wenn das Amt deutlich weniger politischen Spielraum hat. Am Ende gewann die bisherige Amtsinhaberin, die von der Kremlpartei Einiges Russland ins Rennen geschickt wurde, nur 37 Prozent der Stimmen. Ihr Gegner, Wladimir Sipjagin von der üblicherweise als Krawallpartei verschrienen LDPR, holte dagegen ganze 57 Prozent. Am Ende blieb Orlowa nichts weiter übrig, als ihrem Gegner zu gratulieren.

Es ist bereits die vierte Niederlage der Partei von Präsident Wladimir Putin bei den insgesamt 22 Gouverneurswahlen in diesem September. Eine Negativserie, die es in Russlands jüngster Geschichte unter Putin so nicht gegeben hat. Sie zeigt, dass die Unzufriedenheit in der Bevölkerung angesichts der unpopulären Erhöhung des Renteneintrittsalters, geplanter Steuererhöhungen und wirtschaftlicher Stagnation vor allem in der Provinz zunimmt. 

Die Umfragewerte der Kremlpartei Einiges Russland sind nach Angaben des staatlichen Umfrageinstituts WZIOM zwischen Juni und August von 48,9 auf 35,3 Prozent gesunken. Bereits am Sonntag musste ebenfalls der amtierende Einiges-Russland-Gouverneur in der Region Chabarowsk an der Grenze zu China eine Niederlage gegen den von der LDPR aufgestellten Sergej Furgal einräumen. Im Primorskij Kraj mit der Hauptstadt Wladiwostok hatte die Wahlleitung nach mutmaßlichen Wahlfälschungen zugunsten des Kremlkandidaten die Abstimmung für ungültig erklärt, während in der sibirischen Region Chakassien der von Moskau unterstütze Amtsinhaber seine Kandidatur bei der Stichwahl zurückzog.