Eine Gruppe von Investigativjournalisten will die wahre Identität eines der mutmaßlichen Skripal-Attentäter enthüllt haben, wie es auf der Recherchewebsite Bellingcat heißt. Demnach soll es sich bei einem Verdächtigen, der unter dem Namen Ruslan Boschirow nach Großbritannien eingereist war, um einen hochdekorierten russischen Offizier namens Anatoli Tschepiga handeln. Zwei Insider aus europäischen Sicherheitskreisen sagten der Nachrichtenagentur Reuters, die Angaben seien zutreffend.

Die britischen Ermittler werfen Boschirow und einem weiteren Russen namens Alexander Petrow vor, unter Decknamen nach Salisbury gereist zu sein und den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter Julija verübt zu haben.

Dem Bellingcat-Bericht zufolge wurde Tschepiga, der Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU sein soll, 2014 als Held der Russischen Föderation ausgezeichnet. Dieser Ehrentitel wird in der Regel von Präsident Wladimir Putin persönlich vergeben. Offizielle Aufzeichnungen darüber gibt es laut dem Bericht aber nicht.

Der offiziellen russischen Version zufolge handelt es sich bei Ruslan Boschirow um einen Zivilisten, der zusammen mit dem mutmaßlichen zweiten Täter in Salisbury "die bekannte Kathedrale" sowie das Steinzeitmonument Stonehenge besichtigen wollte. In einem Interview, das der kremlnahe Sender RT ausgestrahlt hatte, hatten die beiden berichtet, sie seien zufällig kurz vor dem Skripal-Attentat im März als Urlauber nach Großbritannien geflogen. Die britischen Ermittler hatten anhand von Überwachungskameras minutiös den Weg der beiden nachgezeichnet.

Die neuen Erkenntnisse von Bellingcat kommentierte der russische Außenminister Sergej Lawrow in einer Stellungnahme nicht. Die BBC berichtete unter Berufung auf ungenannte Quellen, es gebe "keine Kontroverse" über die Identifizierung. Lawrow betonte erneut, dass es keine Beweise für eine Verstrickung seines Landes in dem Fall gebe. "Jedes Mal, wenn etwas dazu erklärt wird, gibt es keine hundertprozentigen Beweise", sagte Lawrow.

Auch die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa äußerte sich. Sie wies den Bericht von Bellingcat zurück. Die Veröffentlichung sei mit dem Auftritt der britischen Premierministerin Theresa May im UN-Sicherheitsrat abgestimmt gewesen, so Sacharowa. "Es gibt keinen Beweis - also setzen sie ihre Informationskampagne fort", schrieb sie bei Facebook.

Vater und Tochter Skripal waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie waren in Kontakt mit dem Gift Nowitschok gekommen und mussten wochenlang intensiv behandelt werden. Beide überlebten nur knapp. Die britische Regierung machte Wladimir Putin für das Attentat verantwortlich, die russische Regierung weist jegliche Verantwortung zurück. Der Fall führte zu einer schweren Krise zwischen Russland und dem Westen, beide Seiten veranlassten die Ausweisung zahlreicher Diplomaten.