Innerhalb der syrischen Provinz Idlib sind nach UN-Angaben bereits mehr als 30.000 Menschen durch die Angriffe der syrischen Regierungstruppen und der russischen Luftwaffe zur Flucht gezwungen worden. "Wir sind zutiefst beunruhigt über die jüngste Eskalation der Gewalt", sagte der Sprecher des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha), David Swanson. Derweil ging die Bombardierung nach Angaben von Aktivisten auch zu Beginn der Woche weiter und traf vor allem den südlichen Teil der Provinz, die Menschen flüchten nun in weiter nördlich gelegene Gebiete.

Idlib ist der letzte große Rückzugsort für Rebellen in Syrien. Die Regierung in Damaskus droht, die Provinz einzunehmen, nachdem zuletzt diplomatische Versuche für eine Entspannung gescheitert waren. Bereits am Wochenende hatte die Luftwaffe von Präsident Baschar al-Assad zusammen mit Kampfjets der verbündeten Russen schwere Angriffe auf Idlib geflogen.

Der Leiter der UN-Hilfseinsätze, Mark Lowcock, warnte eindringlich vor einer Großoffensive. Sie könne zur "schlimmsten humanitären Katastrophe mit den größten Verlusten an Menschenleben im 21. Jahrhundert" führen, sagte Lowcock in Genf. Wegen der großen Zahl der Einwohner in Idlib und ihrer Verwundbarkeit seien die UN "extrem alarmiert".

Präsident Assad hat eine große Anzahl von Truppen am Rande von Idlib zusammengezogen, der Beginn einer Bodenoffensive scheint nur eine Frage der Zeit. Die Provinz, in der rund 2,9 Millionen Menschen leben, wird vorwiegend von Dschihadisten und islamistischen Rebellen kontrolliert. In der Region ist die mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbundene Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), die sich früher Al-Nusra-Front nannte, sehr stark. Syrien und Russland wollen in Idlib nach eigenen Angaben "Terroristen" bekämpfen – die Erfahrung zeigt aber, dass damit alle gemeint sind, die Assads Herrschaft nicht anerkennen.

Lowcock gab zwar zu, dass es eine große Zahl von teils radikalen Kämpfern in Idlib gebe, doch auf jeden Kämpfer kämen "100 Zivilisten". Er versicherte, dass es "detaillierte Pläne" gebe, um rasch auf eine große Fluchtbewegung reagieren zu können. "Wir bereiten uns aktiv auf die Möglichkeit vor, dass sich Zivilisten in riesiger Zahl in verschiedene Richtungen bewegen", sagte er. Die UN erwarten, dass rund 100.000 Zivilisten in Gebiete unter Kontrolle der Regierung fliehen und weitere 700.000 innerhalb Idlibs.

Aus Rebellenkreisen verlautete derweil, dass es weiterhin Verhandlungen zwischen HTS und der Türkei gebe. Um eine Offensive auf Idlib zu verhindern, gilt es als mögliches Szenario, dass die Regierung in Ankara ihren Einfluss auf die Aufständischen nutzt, um diese zu einer Selbstauflösung zu bewegen. Den Quellen zufolge sind die Extremisten aber gespalten: Ein Teil der Miliz sei einem Deal gegenüber offen, der andere wolle bis zum Ende kämpfen. Ein HTS-Sprecher hielt sich auf Anfrage bedeckt, schloss eine mögliche Vereinbarung mit der Türkei aber auch nicht aus. Die Regierung in Ankara will die bei einem Angriff befürchtete Flüchtlingsbewegung in Richtung der türkischen Grenze mit allen Mitteln verhindern.