In Idlib fürchteten die Menschen zuletzt jeden Tag den Beginn der von Syriens Machthaber Baschar al-Assad angekündigten Offensive, nun scheint sie abgewendet: Die Türkei und Russland haben sich auf die Einrichtung einer demilitarisierten Zone geeinigt. Die rund 10.000 Kämpfer verschiedener, teils radikalislamistischer Gruppen sollen die Zone verlassen, ihre schweren Waffen abgezogen werden. Den etwa drei Millionen Zivilisten, die in der Provinz im Nordwesten Syriens eingeschlossen sind, verschafft das eine Atempause.

Bayan Rehan ist eine syrische Frauenrechtlerin und politische Aktivistin. Per WhatsApp meldet sie sich bei uns aus Maarat an-Numan, einer Stadt im Westen der Provinz Idlib. Ihre vielen Text- und Sprachnachrichten in diesen Tagen hat unsere Redakteurin Andrea Backhaus übersetzt und zu diesem Protokoll zusammengestellt:

Als wir am Montagabend die Nachricht von der Einigung zwischen der Türkei und Russland gehört haben, war ich sehr erleichtert. Ich habe sofort mit meinen Freunden telefoniert, und sie alle sagten das Gleiche: "Endlich ist es vorbei." 

Heute bin ich durch die Straßen in meinem Viertel gelaufen und habe mit vielen Nachbarn gesprochen. Sie wirken entspannt und glücklich. Sie stehen vor ihren Häusern, lachen und diskutieren über die Zukunft. Sie sagen: "Vielleicht kommt jetzt Frieden."

Wir hatten große Angst vor dieser Offensive. Wir haben jeden Tag mit einem Giftgasangriff gerechnet. Niemand hier weiß, wie man sich auf einen Giftgasangriff vorbereiten soll. Wir hätten ohnehin nicht genügend Atemschutzmasken und Medikamente gehabt. Wir wissen noch nicht genau, was die Türkei und Russland vereinbart haben. Aber es scheint so, als würde es weder Giftgasangriffe noch Bombardierungen geben. Also könnten wir hier lebend rauskommen.

Die Syrer misstrauen den Russen

Vielleicht haben unsere Proteste doch etwas gebracht. In den vergangenen Tagen sind Tausende Menschen in Idlib auf die Straße gegangen, um gegen die Offensive und das Regime zu protestieren. Ich war mit meinen Freunden bei den Protesten. Dort waren Menschen aus allen Teilen Syriens, die wie ich zuvor nach Idlib vertrieben wurden. Sie sangen Lieder der Revolution und riefen: "Wir wollen Freiheit", "wir sind keine Terroristen" und "Assad muss gehen". Wir wollten der Welt zeigen: Wir sind noch da. Wir wollen keinen Krieg mehr.

Nicht alle sind so optimistisch wie ich. Viele haben die Sorge, die Russen könnten sich nicht an die Abmachung halten. Wir vertrauen den Russen nicht. Die Russen haben uns Syrern schon so viel versprochen, immer wieder haben sie gesagt, sie wollen uns schützen. Und dann haben sie uns doch wieder bombardiert, wieder und wieder. Woher wissen wir, dass sie das jetzt nicht wieder tun? Die Menschen in meiner Stadt hassen Assad und die Russen. Sie haben so viele Bomben auf uns abgeworfen, vor allem Streubomben und Fassbomben.  

Ich bin aus Ostghuta und habe in Duma für das lokale Komitee ein Frauenzentrum geleitet. Fast fünf Jahre lang war Ostghuta vom syrischen Regime belagert worden. Im Februar hat Assad dann mit russischer Unterstützung eine Offensive zur Rückeroberung der Region begonnen. Die Bombardierungen waren schrecklich. Die Bomben fielen auf unsere Wohnhäuser, Krankenhäuser, Bäckereien. Eine Rakete hatte unser Haus getroffen, sodass ich mich in einem Schutzbunker verstecken musste. So wie ich harrten Tausende Menschen oft viele Tage, manchmal Wochen in Verstecken unter der Erde aus, ohne ausreichend Nahrung und Trinkwasser. 

Assad rächt sich an seinen Kritikern

Im April musste ich Ghuta verlassen. Es war kurz vor dem Giftgasangriff in Duma. Die Russen hatten einen Deal mit den Rebellen vereinbart: Die Bewohner konnten entweder in das vom Regime kontrollierte Gebiet gehen oder sie wurden mit Bussen nach Idlib gebracht, also vertrieben. Denn tatsächlich gibt es keine Wahl; wir würden im Regimegebiet nicht überleben. Das Regime bestraft alle, die in den Rebellengebieten waren, auch die Zivilisten, die nicht gekämpft haben. Assad rächt sich an jenen, die nicht loyal zu ihm sind. Er lässt seine Kritiker verschwinden, foltern oder gleich umbringen. Und wie sollte ich auch unter Assad leben können? Er hat so viele Menschen umgebracht, die ich kannte. Das kann man nicht einfach vergessen.

In Idlib hat sich alles wiederholt. Hier sind ein paar Tausend Dschihadisten, aber mehr als drei Millionen Einwohner. Doch für das Regime sind wir alle Terroristen. Auch die Russen sagten immer wieder, man müsse ganz Syrien von "Terroristen" säubern, damit tue man der Welt einen Gefallen. Damit meinten sie alle: militante Islamisten und moderate Rebellen genauso wie uns, die Zivilgesellschaft und ganz normalen Syrer. Sie machten sehr deutlich, dass sie uns alle auslöschen wollen.