Der Theaterregisseur und Kolumnist Aydin Engin, geboren 1941, gilt als journalistische Legende in der Türkei. Engin hat wegen seiner Arbeit im Gefängnis gesessen und viele Jahre im deutschen Exil verbracht. Er hat 14 Jahre für die renommierte türkische Oppositionszeitung "Cumhuriyet" gearbeitet, zeitweise war er auch deren Chefredakteur. Vor zwei Jahren wurde er zusammen mit anderen Journalisten der Zeitung in Untersuchungshaft gesteckt. Nun hat Engin wie viele andere seiner Kollegen bei der "Cumhuriyet" gekündigt, weil nationalistische Hardliner die Führung der Zeitung übernommen haben. Kritische Stimmen wie Engin sind jetzt unerwünscht, vor ein paar Tagen veröffentliche er seine letzte Kolumne in der ältesten Zeitung der Türkei. Hier beschreibt er, was der Wechsel für die Pressefreiheit in der Türkei bedeutet.

Die türkische Tageszeitung Cumhuriyet, die seit geraumer Zeit auch den deutschen Lesern als letzter Ort der freien und kritischen Berichterstattung in meinem Land bekannt ist, gibt es so nicht mehr. Sie wurde völlig umgekrempelt, von oben bis unten.

Der Aufsichtsrat der Stiftung der Cumhuriyet, die praktisch Eigentümerin der Zeitung ist, wurde auf seiner Hauptversammlung am 7. September vollständig ausgetauscht. Gleich danach wurden die drei wichtigsten Führungskräfte der Redaktion gefeuert. Darunter der Chefredakteur, der geschäftsführende Redakteur und der Chef des Hauptstadtbüros in Ankara.

Dieser Schritt, der einem Putsch gegen die Zeitung gleichkommt, hat viele Autoren und Kolumnisten dazu veranlasst, von sich aus die Cumhuriyet zu verlassen, so wie mich. Bislang sind wir 22. Das in etwa fasst die erschütternde Entwicklung der vergangenen Woche zusammen, die die Linie des Blattes von Grund auf verändern wird. Aber das ist erst einmal nur eine Nachricht und gibt keine Antwort auf die Frage: "Was ist eigentlich bei der Cumhuriyet los?"

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein paar Jahre zurückblicken. Wer die Welt der Medien kennt, wird wissen, dass in einigen repressiven Staaten Regierungen, Parteien, große Firmen, Banken und Industrieriesen Journalisten kaufen. Das ist nicht nur in der Türkei so. Es gibt viele Beispiele dafür in der Geschichte.

Die islamistische AKP, die 2002 in der Türkei an die Macht kam, und besonders ihr allmächtiger Führer Recep Tayyip Erdoğan, haben sich gegen diese Methode entschieden. Anstatt einzelne Journalisten zu kaufen, die ihre Meinung weiterverbreiten, haben sie nahezu die gesamte türkische Medienlandschaft aufgekauft. Heute gehören 92 Prozent der Printmedien und 94 Prozent der visuellen Medien Firmen, die niemals der AKP-Führung widersprechen oder ihr zuwider handeln würden. Diese Medien sind vollständig zu Regierungsorganen geworden.

Eine friedliche Lösung der Kurdenfrage

Nur die Cumhuriyet blieb die einzige (ja, die einzige) Zeitung, die nicht käuflich war; die keine Verbindung zu einer politischen Partei oder zu Investoren hatte und die keinen "Patron" hatte, einen Geschäftsmann, der der Regierung treu ergeben war. Die Cumhuriyet war die kritischste Zeitung gegen das Ein-Mann-Regime von Präsident Erdoğan. 

Sie forderte beharrlich die friedliche Lösung der Kurdenfrage, und dass das Land sich endlich an demokratischen Werten orientieren möge. Sie wies in ihrer Berichterstattung immer wieder darauf hin, dass sich die Türkei rasant von den Kopenhagener Kriterien entferne, die Bedingungen sind, um ein Mitglied der EU zu werden, und dass die Regierung dschihadistische Gruppen in Syrien unterstütze. Das war die Art von Journalismus, die wir machten. Und deshalb wurde die Cumhuriyet für Präsident Erdoğan zu einem Stachel, den er entfernen musste.

Für Erdoğan und seine Anhänger waren die gut dokumentierten Recherchen und die Berichterstattung über die Waffen-und Munitionslieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT an radikal-islamistische Terrorgruppen in Syrien endgültig zu viel. Erdoğan verkündete: Das lasse ich Euch nicht durchgehen!

So war es dann auch: In den frühen Morgenstunden des 31. Oktober 2016 wurden die Vorstandsmitglieder der Cumhuriyet-Stiftung und Autoren der Zeitung in ihren Wohnungen von der Polizei abgeführt und anschließend vor ein vermeintlich unabhängiges Gericht gestellt und verhaftet. Andere bekamen ein Ausreiseverbot verordnet und kamen wieder auf freien Fuß, die Anklage bestand aber weiterhin.