Andrew Cuomo hat den Angriff von links noch einmal abgewehrt. Der amtierende Gouverneur von New York hatte sich in den vergangenen Monaten mit Cynthia Nixon herumschlagen müssen. Die Schauspielerin und Aktivistin hatte den mächtigen Demokraten mit ihren Ideen einer Bürgerversicherung und der Legalisierung von Marihuana im Wahlkampf nach links gedrängt. Ihre Unterstützer hatten gehofft, das Wunder von Alexandria Ocasio-Cortez zu wiederholen. Die 28-Jährige hatte in den New Yorker Vorwahlen für das Repräsentantenhaus im Juni den langjährigen demokratischen Amtsinhaber Joseph Crowley besiegt und eine progressive Welle in der Partei losgetreten.

Doch auch wenn Cuomo sich am Donnerstag mit einer satten Mehrheit gegen Nixon durchsetzte – so viel Bewegung in der US-Politik gab es im Vorfeld der Kongresswahlen lange nicht. Noch nie wurden etwa so viele Frauen ins Rennen um Spitzenämter auf allen Ebenen geschickt wie in diesem Jahr. Auf kommunaler Ebene treten im November insgesamt 3.260 Frauen an – 2016 waren es noch 2.649. Die Demokraten stellten in den Vorwahlen allein für das Repräsentantenhaus 182 weibliche Kandidaten auf, die Republikaner immerhin 53. 16 Frauen sind zudem für Gouverneursposten nominiert, auch das ist ein Rekord. Im Senat, in dem 35 Sitze neu besetzt werden, treten 22 Frauen an, in sechs Rennen gar gegeneinander. 

Vor allem die Demokraten setzen in diesem Jahr auf Vielfalt bei den Kandidaten, um Teile des Landes zurückzuerobern. Die Partei hat nicht nur mehr Frauen ins Rennen geschickt, sondern hofft vielerorts auch auf den Sieg von Minderheiten. In Connecticut nominierte die Partei mit Christine Hallquist die erste transsexuelle Frau für einen Gouverneursposten. Die linke Demokratin Jahana Hayes dürfte ihrerseits als erste schwarze Frau für den Bundesstaat in den Kongress einziehen, nachdem sie sich gegen die moderate Mary Glassman durchsetzte. In Minnesota gilt der Einzug der Demokratin Ilhan Omar als erste muslimische Frau in den US-Kongress als sicher. Die Linke im Land sei überzeugt, dass nur eine junge Gruppe neuer Kandidaten die Partei zum Sieg führen und eine breite Basis mobilisieren könne, so Politikwissenschaftler Steffen Schmidt von der Iowa State University.

Demokraten vermeiden Amtsenthebung als Wahlkampfthema

Für die Demokraten steht viel auf dem Spiel. Sollten sie im November die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobern, könnten sie die Agenda des Präsidenten erheblich ausbremsen und in Teilen gar zurückdrehen. Ohne die Unterstützung der Kammer sind neue legislative Vorhaben zudem nicht umzusetzen, Trump bliebe nur noch der Weg über präsidentielle Dekrete – die aber könnten von einem Nachfolger genauso schnell rückgängig gemacht werden. 

Zudem hätten die Demokraten eine bessere Handhabe, um Trump auch auf anderer Ebene Einhalt zu gebieten. Denn das Repräsentantenhaus könnte mit einer liberalen Mehrheit weitere Untersuchungen einleiten, Dokumente einfordern oder Personen vorladen. Und im Zweifel ist es der Justizausschuss des Repräsentantenhauses, der den ersten Schritt bei einem Amtsenthebungsverfahren einleitet. Bislang allerdings vermeiden die Demokraten das Thema im Wahlkampf – aus Angst, damit die republikanische Basis zu mobilisieren.

Insgesamt müssen die Demokraten 23 Sitze im Repräsentantenhaus zurückerobern, um eine Mehrheit zu gewinnen. Und die Chancen stehen – anders als im Senat – gut. Die Midterms gelten als Stimmungsbarometer für den Präsidenten und bedeuten fast immer einen Verlust für die regierende Mehrheitspartei. Nach zwei Jahren unter Obama gewannen die Republikaner 64 Sitze im Repräsentantenhaus, nach zwei Jahren Bush konnten die Demokraten 2006 32 Sitze zurückerobern. 

Jetzt ist die Lage ungleich komplizierter. Donald Trump ist außerhalb der eigenen Kernwählerschaft mit einer Zustimmungsrate um die 40 Prozent so unbeliebt wie kaum ein Amtsvorgänger. Dabei liegen 25 der Sitze, die die Republikaner im Repräsentantenhaus verteidigen müssen, in Bezirken, die vor zwei Jahren Hillary Clinton gewann. Umgekehrt müssen die Demokraten nur 13 Sitze in Bezirken verteidigen, die 2016 Donald Trump für sich entschied. Da hilft es auch nicht, dass die größten legislativen Erfolge der Republikaner wie etwa die Steuerreform und der Plan, die Gesundheitsreform von Obama zurückzudrehen, bei der Mehrheit der Amerikaner nicht gut angekommen sind.

"Im Kern lokale Wahlen"

Dabei ist nicht nur das Machtverhältnis in Washington wichtig. Auch auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen setzt die Partei alles daran, ihre Position zu festigen. Seit dem Wahlsieg von Donald Trump haben viele Bundesstaaten, darunter etwa New York oder Kalifornien, eine entscheidende Rolle im Widerstand gegen die Regierung in Washington eingenommen. Die Staatsanwälte mehrerer Bundesstaaten haben gegen Entscheidungen wie den Einreisestopp geklagt, Gouverneure wie Andrew Cuomo und Bürgermeister wie Bill de Blasio haben ihre Bundesstaaten und Städte zu liberalen Trutzburgen erklärt.

Doch die neue liberale Welle schwappt nicht in alle Ecken des Landes. Viele der progressiven Kandidaten, die gerade landesweit Schlagzeilen machen, gehen in Regionen ins Rennen, in denen ein demokratischer Wahlerfolg als nahezu sicher gilt. Christine Hallquist etwa, die erste transsexuelle Kandidatin für ein Gouverneursamt, gewann im August in Connecticut, einem verlässlich liberalen Bundesstaat mit weißer und gut ausgebildeter Mehrheit. Andernorts aber, wo das Bild weniger klar und die Gefahr durch die Republikaner größer ist, trauen offenbar auch die Demokraten ihren Wählern nicht. 

In Wisconsin und Minnesota, zwei Bundesstaaten im Mittleren Westen, die die Demokraten 2016 an Trump verloren hatten, nominierte die Partei mit Tony Evers und Tim Walz zwei weiße Männer über 50, die politisch im Zentrum stehen. Zu groß ist offenbar die Angst, dass vor allem Wähler aus der weißen Arbeiterschicht von zu radikalen Kandidaten abgeschreckt werden. "Die Kongresswahlen sind im Kern lokale Wahlen, deshalb muss ein Kandidat in erster Linie in seinen Bezirk passen", sagt Politikwissenschaftler Steffen Schmidt. 

In Florida, einem wichtigen Swing-State, könnte es im November zum Testfall für die Zukunft der Partei kommen. Dort hatte sich Ende August mit Andrew Gillum ein Afroamerikaner als Gouverneurskandidat durchgesetzt, der auf Steuererhöhungen für Reiche, eine Grundversicherung für alle und ein Recht auf Abtreibung setzt. Das, glaubt Schmidt, könne die Partei in dem Bundesstaat, der vielerorts noch immer sehr konservativ ist, teuer zu stehen kommen.