Der talentierteste Politiker Brasiliens operiert in diesen Tagen von einer Zelle in der Provinzhauptstadt Curitiba aus. Luiz Inácio Lula da Silva, Staatspräsident von 2003 bis 2011, sitzt seit knapp fünf Monaten hinter Gittern: im vierten Stock des Hauptquartiers der Polizei, in einem schlichten Raum mit Badezimmer, Pritsche, Schreibtisch, Fitnessgerät, Fernseher und einer Menge Bücher und DVDs. Die Straße kann er von dort nicht sehen, aber dreimal am Tag schallen von der Straße die Rufe einiger ausdauernder Anhänger herauf: "Guten Morgen, Präsident Lula!" – "Guten Nachmittag, Präsident Lula!" – "Guten Abend, Präsident Lula!"

Und ja, Lula da Silva will noch mal in den Präsidentenpalast. Er hat dafür einen Plan, obwohl die Ausgangslage unmöglich erscheint: Gerichte haben ihn in zweiter Instanz wegen Korruption verurteilt, er soll von einem Baukonzern eine Wohnung als Geschenk angenommen haben. Lula wurde für zwölf Jahre eingesperrt, und erst am vergangenen Wochenende untersagte ihm das oberste Wahlgericht eine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt. Sogar jegliche Beteiligung an Wahlkampagnen wurde ihm untersagt. Das sind selbst für einen politischen Meisterspieler, als der der 72-Jährige bekannt ist, miese Karten. Aber für Lula ist die Partie noch nicht aus.

"Eine charismatische Figur wie Lula begegnet einem nicht so häufig, wie man es gerne hätte", sagte Fernando Haddad, einer der engsten Vertrauten Lulas, am Wochenende ZEIT ONLINE. Da stand er vor dem Eingang des Polizeipräsidiums, in dem Lula festgehalten wird. Ein paar Meter weiter liefen fahnenschwenkende Parteigenossen vorbei, Medienvertreter positionierten ihre Kameras, und der Lula-Rummel ging los wie fast jeden Tag. Laufend empfängt der Ex-Präsident irgendwelche Besucher: Anwälte, Kirchenführer, Ex-Präsidenten, gerade erst war der frühere SPD-Chef Martin Schulz in Curitiba und erklärte dem Häftling seine "Solidarität". Die Justiz hat sich schon darüber beschwert, dass die Zelle zu einer Art Wahlkampfzentrale geworden sei.

Ohne den Meister geht nichts

Fernando Haddad spielt in da Silvas Plan eine Schlüsselrolle: Er ist sein Stellvertreter für den Präsidentenpalast, bei den bevorstehenden Wahlen am 7. Oktober soll er den Ex-Präsidenten vertreten. Lula selbst wird zwar gegen das Kandidaturverbot noch einmal Berufung einlegen, aber die Chancen gelten als gering. An diesem Wochenende startete Haddad eine Blitztour mit feurigen Ansprachen nach dem Vorbild des Meisters ("Wir lassen Brasilien nicht allein!"). Er suchte Lulas Heimatort im ärmlichen Nordosten Brasiliens auf, wo er TV-Werbespots drehte, beschwor den Mythos des großen alten Mannes der brasilianischen Arbeiterbewegung, des früheren Metallarbeiters, der in der Militärdiktatur verfolgt wurde und später zum Präsidenten in einem goldenen Zeitalter des Wirtschaftsbooms aufstieg.

Er hat sie noch nicht ganz drauf, die Rolle: Bei seinen Auftritten spricht Haddad im Akzent eines Großstädters aus São Paulo, der er schließlich auch ist. Der Professor (55), früher Oberbürgermeister von São Paulo, lässt politischen Statements schon mal vorausgehen, dass er "jetzt mal als Politikwissenschaftler spricht". Wie will so einer vor der Wahl genug Präsenz in den Medien zeigen, obwohl die dazu neigen, da Silva und seine Bewegung totzuschweigen? "Nur eine charismatische Figur wie Lula hat diese Kraft", antwortet Haddad. Ohne den Meister geht nichts.