Am Jahrestag des umstrittenen Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien haben in Barcelona rund 180.000 Menschen für die Abspaltung der Region von Spanien demonstriert. Die Menge zog am Abend von der zentralen Plaça de Catalunya zum katalanischen Regionalparlament, wo es schließlich zu Ausschreitungen radikaler Separatisten kam.

Kurz nach 21 Uhr stürmten Demonstranten die Absperrungen vor dem Regionalparlament. Vermummte versuchten, mit Mülleimern Barrikaden zu errichten, warfen Steine auf die katalanischen Polizeieinheit Mossos d'Esquadra und entzündeten Rauchbomben. Auch vor dem Hauptquartier der Nationalpolizei warfen einige Feuerwerkskörper auf Beamte. Zudem wurde Regionalpräsident Quim Torra bei der Kundgebung ausgepfiffen. Teilnehmende warfen ihm vor, der spanischen Zentralregierung nicht ausreichend Widerstand zu leisten.

Zuvor hatten Aktivisten den Verkehr in der nordostspanischen Region behindert. Sie blockierten bereits am Mittag wichtige Fernstraßen, Zugverbindungen und andere Verkehrswege. Hunderte vorwiegend vermummte Unabhängigkeitsbefürworter besetzten die Hochgeschwindigkeitsgleise im Bahnhof von Girona. Fernsehsendern zufolge blockierten Demonstranten darüber hinaus in Barcelona und Lleida wichtige Straßen. Nach Angaben der Behörden waren auch die Autobahn A7 zwischen Barcelona und Valencia und die A2 zwischen Barcelona und Madrid blockiert. Auf dem Gebäude der Regionalregierung in Girona ersetzten Aktivisten zudem die spanische Flagge durch gelb-rot-blaue Fahnen der Separatisten.

Zu den Aktionen hatten die Komitees zur Verteidigung der Unabhängigkeit (CDR) aufgerufen. "Vor einem Jahr riefen wir die Republik aus – schreiten wir zur Tat", twitterte CDR und erinnerte damit an die Abstimmung vom 1. Oktober 2017, die die Regionalregierung unter dem damaligen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont trotz eines Verbots seitens der Zentralregierung durchgeführt hatte. Eine überwältigende Mehrheit von rund 90 Prozent stimmte damals für die Ablösung Kataloniens von Spanien – allerdings bei einer Beteiligung von nur 42 Prozent. Dennoch rief Puigdemont einseitig die Unabhängigkeit aus, woraufhin die Regierung in Madrid die Regionalregierung absetzte. Mehrere katalanische Unabhängigkeitsbefürworter wurden inhaftiert, der ehemalige Regionalpräsident Carles Puigdemont und mehrere seiner Kabinettsmitglieder flohen ins Ausland.

Puigdemonts Nachfolger Torra erinnerte nun an die Volksbefragung. "Alles fing am 1. Oktober an und alles geht auf den 1. Oktober zurück", sagte er vor einem weißen Banner mit der Aufschrift "Kein Vergessen, kein Vergeben". Er forderte die Separatisten auf, die Lehren der Vergangenheit zu beherzigen. Puigdemont selbst rief die Katalanen via Twitter dazu auf, einig und beharrlich auf das Ziel der Loslösung von Spanien hinzuarbeiten. "Lasst uns nicht abweichen vom einzig möglichen Weg, in voller Demokratie zu leben: der Republik und ihrer internationalen Anerkennung", schrieb er.

Umfragen zufolge sind die etwa 7,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Kataloniens etwa je zur Hälfte in Befürworter und Gegner der Unabhängigkeit gespalten. Dennoch hatte Torra den neuen spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez aufgefordert, ein neues Unabhängigkeitsreferendum zuzulassen. Dessen Sprecherin rief Torra dazu auf, seine "Sprache zu mäßigen". Schließlich habe ihre Regierung "den Dialog mit den katalanischen Behörden" aufgenommen.