Die Wahl des dreiköpfigen Staatspräsidiums in Bosnien-Herzegowina hat den Kroatinnen und Kroaten in der Herzegowina eine schwere Niederlage beschert. Statt ihres jahrelangen Führers Dragan Čović werde der Kroate Željko Komšić ins höchste Amt des kleinen Balkanstaates einziehen, teilte die staatliche Wahlkommission am Montagmorgen in Sarajevo mit. Der Unterlegene kündigte an, jetzt sei "eine nie gesehene Krise" möglich. Schon im Wahlkampf hatte der Nationalist Čović angekündigt, im Falle einer Niederlage wolle seine Nation die politischen Gremien im ganzen Land lahmlegen.

In Bosnien-Herzegowina machen die muslimischen Bosniakinnen und Bosniaken rund die Hälfte der Bevölkerung aus. Die orthodoxen Serben stellen ein Drittel, die katholischen Kroaten als kleinstes Volk rund 15 Prozent. Im Staatspräsidium muss jeweils ein Vertreter oder eine Vertreterin aller drei Nationen vorhanden sein. Zwar hätten fast alle Landsleute für ihn gestimmt, begründete Čović seine Position. Doch hätten die Bosniakinnen und Bosniaken den aus Sarajevo stammenden Kroaten Komšić durchgesetzt, der als moderat gilt. "Ihr könnt für die Kroaten nicht ihren Präsidenten wählen", sagte Čović mit Blick auf die Bosniaken.

Für die Musliminnen und Muslime wird Šefik Džaferović ins Präsidium einziehen, berichtete die Wahlkommission weiter. Er gehört der größten muslimischen Partei SDA an. Für die Serbinnen und Serben verkündete der prorussische  Milorad Dodik am Abend seinen Sieg. Auf ihn seien 56 Prozent der Stimmen entfallen, auf seinen ärgsten Rivalen, den moderaten Kandidaten Mladen Ivanić, 44 Prozent, teilte Dodik am späten Sonntagabend mit. Er berief sich dabei auf Prognosen nach der Auszählung von 85 Prozent der Wahlzettel, die sich seinen Angaben zufolge nicht mehr erheblich verändern würden.

Während diese beiden Spitzenpolitiker den nationalistischen Flügeln ihrer Völker zugerechnet werden und vor allem die Rechte ihrer Nationen sichern wollen, tritt der Sozialdemokrat Komšić für einen bürgerlichen Staat ein. Er sagte am Wahlabend: "Ich werde allen Bürgern dienen, auch wenn sie mich nicht gewählt haben."

Obwohl nur etwas mehr als die Hälfte der 3,4 Millionen Wählerinnen und Wähler an der Abstimmung teilgenommen hatte, dauerte es mehr als fünf Stunden nach Schließung der Wahllokale, bis die Wahlkommission erste Ergebnisse mitteilte. Resultate für das ebenfalls gewählte Bundesparlament, die Parlamente der beiden fast selbstständigen Landesteile und ihre Präsidenten sollen erst im Laufe des Montags folgen, kündigte die Kommission an.

Der Aufbau des Balkanstaats ist geprägt von einem komplizierten Institutionengeflecht, das nach dem Krieg der Jahre 1992 bis 1995 geschaffen wurde. Die Wahlen werden als Test dafür betrachtet, ob sich Bosnien-Herzegowina in Richtung EU und Nato orientiert oder ob sich die ethnische Spaltung des Landes weiter zementiert.

Die Spannungen in der serbisch, muslimisch und kroatisch geprägten Gesellschaft hatten sich im gesamten Land vor der Wahl weiter verschärft. Obwohl der junge Staat von der EU umfassende Unterstützung erfährt, kommen die Integrationsprozesse auch mehr als 20 Jahre nach Kriegsende nur langsam voran.