Brasiliens künftiger Präsident Jair Bolsonaro ist ein Mann der Repression. Der ultrarechte Hauptmann der Reserve inszenierte sich im Wahlkampf als Retter der Nation. Er verklärte die Militärdiktatur, die in Brasilien 1985 endete. Menschenrechte scheinen ihn nicht zu interessieren. Dass er jetzt Präsident wird, ist ein Riesenschritt in Richtung Autoritarismus. Und weil Brasilien das größte Land Südamerikas ist, wird das auf die ganze Region ausstrahlen.

Bolsonaro stellte sich im Wahlkampf als Außenseiter dar, der die Bürger vom korrupten Politestablishment erlösen, die Gewalt besiegen und für Ordnung sorgen würde. Er befeuerte die Wut der Brasilianerinnen und Brasilianer geschickt, und sie trug ihn ins Amt: Wut über die Megakorruptionsskandale aus der Regierungszeit der Arbeiterpartei PT; über eine PT, die dafür keine Verantwortung übernehmen mochte; über die ausufernde Gewalt und die hohen Mordraten; über den Ärzte- und Bettenmangel in den Krankenhäusern und schlecht ausgestattete Schulen und über die anhaltende Rezession, in der Millionen Arbeitsplätze verloren gingen.

Bolsonaro holte Stimmen in allen Schichten. Die Evangelikalen mit ihrem radikal konservativen Familienbild gewannen die Leute in den Armenvierteln für ihn. Die wohlhabenden, gebildeten Eliten wählten ihn, weil sie um ihre Privilegien fürchten. Die Militärs, die er in die Regierung holt, unterstützen ihn ebenso wie die Großgrundbesitzer der Agrarlobby, für die er den Amazonasregenwald zur wirtschaftlichen Ausbeutung freigeben will – womit seine Präsidentschaft, nebenbei bemerkt, zur Gefahr für Brasiliens indigene Völker und für das Weltklima wird.

Jair Bolsonaro - »Das ist ein Schwur gegenüber Gott« In seiner Siegesrede sagte Jair Bolsonaro, er werde nach der Bibel und der Verfassung regieren. Im Wahlkampf hatte sich der Rechtspopulist mehrfach rassistisch geäußert. © Foto: Ricardo Moraes-Pool/Getty Images

"Säuberungen" angekündigt

Bolsonaro ist für die Todesstrafe und findet, nur ein Polizist, der einen Kriminellen töte, sei ein guter Polizist. Gegen die grassierende Gewalt will er die Bürger bewaffnen – gegen alle Erfahrungen, die besagen, dass das nur zu noch mehr Gewalt führen wird. Viele haben ihn mit dem US-Präsidenten Donald Trump verglichen. Aber in manchen Äußerungen erinnert Bolsonaro eher an Rodrigo Duterte, den philippinischen Präsidenten, der die Ermordung Tausender in seinem selbst erklärten "Krieg gegen die Drogen" rechtfertigt. Wenige Tage vor der Stichwahl kündigte auch Bolsonaro nie dagewesene "Säuberungen" an, um seine Gegner aus dem Land zu vertreiben, denn sie seien alle "rote Verbrecher".

Bolsonaro spaltet das Land. Über WhatsApp verbreiteten seine Leute im Wahlkampf Halbwahrheiten und Lügen über die Arbeiterpartei PT, der Partei seines Kontrahenten Fernando Haddad und des inhaftierten ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva: Sie verfolge die Strategie, kleine Kinder zu Homosexuellen zu erziehen, und wolle aus Brasilien ein zweites Kuba machen. Bolsonaro schmäht Indigene, Afrobrasilianer und sexuelle Minderheiten. Manche Aktivisten und Künstler fürchten jetzt um ihr Leben. 

Seine Anhänger ließen sich aufstacheln, kritische Journalisten wurden – auch körperlich – angegriffen und bedroht. Die Berichte über Gewalt gegen Andersdenkende häuften sich im Wahlkampf. Ein Musiker, der sich als Wähler der PT zu erkennen gab, wurde von einem Bolsonaro-Anhänger ermordet. Der Wahlkampf hat gezeigt, wie weit die Spaltung Brasiliens fortgeschritten ist, und es deutet nichts darauf hin, dass der neue Präsident jetzt, nach seinem Sieg, einen versöhnlicheren Ton anschlagen könnte. Warum auch? Er profitiert ja von der Wut. 

Allerdings bekam Bolsonaro selbst zu spüren, zu welchen Folgen die Polarisierung des Landes führen kann. Anfang September wurde gegen ihn ein Attentat verübt, das er nur mit Glück überlebte. Ein Mann war während einer Wahlkampfveranstaltung auf ihn zugekommen, griff ihn mit einem Messer an und verletzte Bolsonaro lebensgefährlich am Bauch. Relativ bald konnte sich der Kandidat von dem Angriff erholen und seinen Wahlkampf fortsetzen.

Unter seinen Wählerinnen und Wählern hat Bolsonaro hohe Erwartungen geweckt. Wie er sie erfüllen will, ist allerdings fraglich. Er hat nicht erklärt, wie er konkret gegen die Korruption vorgehen will. Er müsste die Staatsfinanzen sanieren, aber wie er das in schlechten Zeiten schaffen will, hat Bolsonaro nicht dargelegt. Für seine Regierung ist das ein Risiko. Was, wenn die Leute merken, dass er seine Versprechen nicht halten kann? Wie viel Zeit werden sie ihm geben, bevor sie auch auf ihn wütend werden?

Bolsonaros designierter Finanzminister Paolo Guedes, Ökonom und Investmentbanker, hat zwar weitreichende Privatisierungen angekündigt. Doch die bringen nur einmalig Geld, und die Steuersenkungen, die Guedes zugleich plant, wären eher kontraproduktiv für den Haushalt. Die Militärs ihrerseits werden die Staatsunternehmen und die Privilegien der Beamten eher schützen wollen, als sie aufzugeben. Für welche Seite sich der künftige Präsident entscheidet, ist noch nicht absehbar.