Angesichts zahlreicher Fälle politisch motivierter Gewalt in Brasilien haben die beiden im Rennen verbliebenen Präsidentschaftskandidaten ihre Anhänger zur Mäßigung aufgerufen. Der ultrarechte Spitzenreiter in den Umfragen, Jair Bolsonaro, verurteilte die Exzesse am Donnerstag – und richtete dabei Drohungen an Täter. Auch Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) forderte ein Ende der Brutalität.

In jüngster Zeit hatte es in Brasilien mehrfach Angriffe auf Journalisten, Aktivisten oder Homosexuelle gegeben. Viele der Gewaltakte werden Bolsonaros Anhängern zugeschrieben. Nach Angaben der unabhängigen Journalistengruppe Agência Pública gab es seit dem 30. September 50 Angriffe von sogenannten Bolsonaristas. Im selben Zeitraum seien auch sechs Anhänger Bolsonaros angegriffen worden.

Bolsonaro, ein früherer Heeresoffizier, gilt vor der Stichwahl am 28. Oktober als Favorit. Am Mittwoch dieser Woche distanzierte er sich von den Gewalttaten: Er habe keine Kontrolle über seine Unterstützer. "Wenn ein Typ mit meinem T-Shirt zu weit geht – was hat das mit mir zu tun", sagte er zu Journalisten. 

Bei einem Treffen mit Kongressabgeordneten in Rio den Janeiro sagte Bolsonaro Tags darauf: "Selbst wenn sie meine Unterstützer sind, werde ich sie dafür büßen lassen, wenn sie dem Gesetz nicht gehorchen." Zuvor hatte ihm Haddad vorgeworfen, bei den Attacken seiner Anhänger wegzusehen.

Haddad sagte weiter, die Parteien müssten das Problem gemeinsam angehen. Zudem regte er an, mit Bolsonaro einen Pakt zu unterzeichnen, der eine Ächtung von Gewalt vorsieht.

Der 63-jährige Bolsonaro sprach im Wahlkampf immer wieder wohlwollend über die Militärdiktatur von 1964 und 1985. Zudem kündigte er ein hartes Vorgehen gegen Kriminelle an. Über Frauen, Schwarze und Homosexuelle äußerte er sich immer wieder abfällig.

Anfang September war Bolsonaro mit einem Messer angegriffen worden, den Wahlkampf führte er seitdem vom Krankenbett aus. Nach dem Vorfall legten seine Umfragewerte deutlich zu. Wochenlang konnte Bolsonaro nicht an Debatten teilnehmen und verbreitete seine Botschaften stattdessen in den sozialen Medien.

Umfragen sagen deutlichen Sieg Bolsonaros voraus

Um den Sieg Bolsonaros zu verhindern, schmiedet Haddad derzeit eine "demokratische Front", zu der auch die katholische Kirche zählen soll. Am Donnerstag traf Haddad den Generalsekretär der Bischofskonferenz, Weihbischof Leonardo Steiner. Dabei verpflichtete sich Haddad nach eigenen Angaben dazu, bei einem Sieg die von der Kirche kritisierte Reform des Arbeitsrechts sowie die Deckelung des Haushalts aufzuheben. Beides war von der aktuellen Regierung des konservativen Präsidenten Michel Temer gegen den Protest der Kirche verabschiedet worden.

Mit rund zwei Dritteln stellen Mitglieder der katholischen Kirche in Brasilien die Bevölkerungsmehrheit. Jedoch enthält sie sich traditionell einer parteipolitischen Stellungnahme. Am Montag hatte Steiner jedoch vor Populisten gewarnt, die "das demokratische System zerstören" wollten.

Umfragen zufolge steht Bolsonaro dessen ungeachtet vor einem deutlichen Sieg: Der Rechtspopulist kann bei der Stichwahl mit 58 Prozent der Stimmen rechnen.