Noch während die Abstimmung lief, waren aus der Zuschauergalerie immer wieder wütende Protestrufe zu hören – vor allem von Frauen. "Shame, shame, shame" und "Nein heißt Nein" und "Ich glaube Christine Blasey Ford". Wiederholt musste Mike Pence als Senatspräsident den Prozess unterbrechen, den Hammer schwingen und die Sicherheitskräfte darum bitten, für Ordnung zu sorgen. Am Ergebnis konnten die Gegendemonstranten nichts mehr ändern. Mit 50 Stimmen – und je einem Abweichler auf beiden Seiten – setzte sich Brett Kavanaugh am Samstagnachmittag durch und wurde sogleich zum obersten Richter vereidigt.

Die Abstimmung beendet zunächst einen wochenlangen Streit zwischen beiden Lagern, der das Land ein Jahr nach Beginn der #MeToo-Bewegung tief gespalten und die Basis auf beiden Seiten mobilisiert hat. Millionen von Amerikanern hatten die emotionsgeladenen Anhörungen von Kavanaugh und Ford, die dem Richter sexuelle Übergriffe vorwirft, über Stunden vor dem Fernseher verfolgt, FBI-Ermittlungen hatten das Verfahren kurzzeitig ausgebremst, bis zuletzt hatten Gegner und Befürworter von Kavanaugh bei den Senatoren für ihre Position gekämpft.

Die Berufung von Kavanaugh ist – pünktlich zum Beginn der heißen Wahlkampfphase vor den Midterms – vor allem ein wichtiger politischer Sieg für Donald Trump, der trotz des wachsenden öffentlichen Drucks an seinem Kandidaten festgehalten hatte und sich nach Wochen der Unsicherheit durchsetzen konnte. US-Medien hatten berichtet, der Präsident habe in den vergangenen Tagen persönlich bei jenen republikanischen Senatoren für Kavanaugh geworben, die bis zuletzt als unsichere Stimmen gegolten hatten.

Als Kandidat hatte Trump den Skeptikern in seiner Partei versprochen, den Supreme Court und die Bundesgerichte im Falle eines Wahlsiegs mit konservativen Richtern zu besetzen. 26 Bundesrichter hat der Präsident in den vergangenen zwei Jahren bereits ernannt. Mit Brett Kavanaugh zieht nun nach Neil Gorsuch schon der zweite Jurist von der Wunschliste der Konservativen in das höchste Gericht des Landes ein. Sowohl Gorsuch als auch Kavanaugh sind erst knapp über 50, mit ihnen kann sich das konservative Amerika seiner Mehrheit über Jahrzehnte sicher sein.

Die Furcht vor den Folgen

Genau davor fürchten sich die Liberalen im Land. Seit Monaten hatten sie ihre Basis gewarnt, mit Kavanaugh könnten zahlreiche ihrer Errungenschaften rückgängig gemacht werden. Kavanaugh sei ein "gefährlicher Ideologe mit extremen Ansichten", hatte etwa die schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP erklärt. Ein Supreme Court mit Kavanaugh, fürchten dessen Gegner, dürfte die Beziehung zwischen Regierung, Unternehmen und Bürgern nachhaltig zugunsten der Mächtigen und einer freien Wirtschaft verschieben und könnte Regulierungen zurückdrehen, die Umwelt, Arbeitnehmer und Minderheiten schützen. Frauen fürchten vor allem, ein konservativer Supreme Court könne das Recht auf Abtreibung einschränken.

Die Demokraten hatten im Senat in der Nacht noch einmal mehrere Stunden lang ihre Argumente gegen Kavanaughs Berufung vorgetragen. Die Senatoren lasen Hunderte Briefe von Opfern sexueller Gewalt, die in den vergangenen Wochen in ihren Büros eingetroffen waren. Draußen vor den Regierungsgebäuden der Hauptstadt protestierten auch am Samstag noch Hunderte Gegner Kavanaughs und forderten die Senatoren bis zuletzt auf, die Ernennung des 53-Jährigen zu verhindern. 164 Menschen wurden festgenommen.

Am Freitag hatte Susan Collins, republikanische Senatorin aus Maine, in einer 45-minütigen Rede erklärt, warum sie trotz der Vorwürfe für Kavanaugh stimmen wolle. Collins galt bis zuletzt als Swing Vote und war von beiden Seiten bedrängt worden. Mit ihrer Stimme sicherte sie den Republikanern schließlich die Mehrheit. In den vergangenen Tagen hatte sich Collins nur noch mit Polizeischutz durch die Hauptstadt bewegen können. Nach Collins' Ankündigung am Freitag erklärten liberale Gruppen, bei der nächsten Wahl Millionen von Dollar an ihren Gegenkandidaten spenden zu wollen.