US-Präsident Donald Trump hat Saudi-Arabien mit ernsten Konsequenzen gedroht, falls es tatsächlich den Journalisten Dschamal Chaschukdschi in Istanbul ermordet haben sollte. In dem Fall stehe viel auf dem Spiel, sagte Trump dem Fernsehsender CBS in einem Interview. Einen Stopp der US-Waffenlieferungen an Saudi-Arabien lehnte Trump unter Verweis auf die Arbeitsplätze in der amerikanischen Rüstungsindustrie ab: "Ich will keinen Jobs schaden. Ich will eine Bestellung wie diese nicht verlieren. Und wissen Sie, was? Es gibt andere Wege der Bestrafung, um ein ziemlich hartes Wort zu benutzen."

Donald Trump, der ein enges Verhältnis zum Königshaus in Riad pflegt, schloss nicht aus, dass Saudi-Arabien für das Verschwinden Chaschukdschis verantwortlich sein könnte. "Könnten sie es sein? Ja", sagte Trump. "Wir wären sehr wütend und ungehalten, wenn das der Fall wäre. Wir werden der Sache auf den Grund gehen und es wird eine schwere Strafe geben." Saudi-Arabiens Regierung verwahrte sich gegen die Mordvorwürfe: Innenminister Prinz Abdel Asis bin Saud bin Najef sprach von "unbegründeten Anschuldigungen und Lügen".

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu warf Saudi-Arabien mangelnde Unterstützung der Ermittlungen vor. Saudi-Arabien habe bislang nicht mit der Türkei bei der Suche nach Chaschukdschi zusammengearbeitet, sagte Çavuşoğlu. Er forderte Riad auf, türkischen Ermittlern und Staatsanwälten Zugang zu dem Konsulat in Istanbul zu verschaffen.

Mitschnitt soll in der iCloud liegen

Chaschukdschi, der seit einem Jahr im Exil im US-Bundesstaat Virginia lebte, soll laut einem Medienbericht seine Ermordung mit einer Apple-Computeruhr aufgezeichnet haben. Die türkische Zeitung Sabah berichtete, dass der Journalist noch vor Betreten des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul eine Aufnahmefunktion an seiner Apple Watch eingeschaltet habe. Sein Handy, das er seiner vor dem Konsulat wartenden Verlobten Hatice Cengiz gegeben habe, sei mit der Uhr an seinem Handgelenk synchronisiert gewesen; so seien die Geräusche während seiner Ermordung gespeichert worden.

Der türkische Geheimdienst MIT und die Polizei hätten die Daten, die in den iCloud-Speicher übertragen wurden, dann ausgewertet, berichtet Sabah. iCloud ist ein Dienst von Apple, mit dem Daten gespeichert und auf mehreren Geräten synchronisiert werden können. "Die Momente, in denen sich das Attentäter-Team mit Chaschukdschi beschäftigt hat, wurden Minute für Minute aufgezeichnet", schreibt die Zeitung. Die Täter hätten aber versucht, einige Daten zu löschen. Sabah beruft sich auf "vertrauenswürdige Quellen".

Von Chaschukdschi fehlt seit einem Besuch im Konsulat seines Landes in Istanbul am 2. Oktober jede Spur. Er wollte dort Dokumente für seine geplante Hochzeit abholen. Türkische Ermittler gehen davon aus, dass er im Konsulat von saudi-arabischen Agenten ermordet wurde. Saudi-Arabien bestreitet dies, ist bisher aber den Beweis dafür schuldig geblieben, dass Chaschukdschi das Gebäude lebend verließ.

Die Washington Post hatte am Donnerstag berichtet, türkische Regierungsvertreter hätten US-Vertreter über Audio- und Videoaufnahmen in Kenntnis gesetzt. Darauf sei zu sehen und zu hören, wie Chaschukdschi in dem Konsulat verhört, gefoltert und ermordet wurde. Anschließend sei seine Leiche zerstückelt worden, berichtete das Blatt.

Kritik am Kronprinzen aus dem Exil

Der 59-jährige Regierungskritiker und Journalist Chaschukdschi war im September 2017 ins US-amerikanische Exil gegangen. In Kolumnen für die Washington Post hatte er wiederholt den saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman kritisiert.

Bei einem Wüsten-Davos genannten Wirtschaftsgipfel in Riad vom 23. bis 25. Oktober will der Kronprinz sein Reformprogramm präsentieren und bei ausländischen Wirtschaftsvertretern um Investitionen werben. Doch zahlreiche westliche Unternehmen gingen nach dem Verschwinden von Chaschukdschi auf Distanz und sagten die Teilnahme ab.

Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, will vorerst an ihrer Teilnahme an dem Gipfel festhalten. Sie zeigte sich aber entsetzt über die Berichte zum Verschwinden Chaschukdschis. "Menschenrechte, Informationsfreiheit sind grundlegende Rechte und entsetzliche Dinge wurden berichtet", sagte Lagarde.

Maas und Guterres verlangen Aufklärung

Bundesaußenminister Heiko Maas forderte Saudi-Arabien auf, den Fall aufzuklären. Die Sorge um Chaschukdschi wachse mit jedem Tag der Ungewissheit, sagte Maas der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er habe der saudi-arabischen Seite klargemacht, dass sie alles tun müsse, um den Fall aufzuklären: "Wir können uns nicht damit abfinden, dass Journalisten weltweit immer öfter wegen ihrer Arbeit bedroht und angegriffen werden. Das gilt auch für Saudi-Arabien. Das ist nicht akzeptabel. Das gilt auch für Journalisten im Exil."

Auch UN-Generalsekretär António Guterres mahnte die Aufklärung des Falles an. "Wir müssen genau wissen, was passiert ist, und wir müssen genau wissen, wer verantwortlich ist", sagte Guterres der BBC. Er zeigte sich besorgt, weil sich "derartige Vorfälle häufen" und "so etwas neuerdings normal erscheint".