"Egal ob Diplomaten, Regierungsgäste oder Journalisten, fast jeder, der in den vergangenen dreißig Jahren über Saudi-Arabien gearbeitet hat, kennt Dschamal", twitterte dieser Tage der Nahost-Korrespondent der New York Times, Ben Hubbard. "Wo ist unser Freund Jamal Khashoggi?", sekundierte Volker Perthes, Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, der selbst viele Reisen auf die Arabische Halbinsel gemacht hat – und forderte: "Saudi-Arabien sollte uns eine überzeugende Antwort geben."

Jamal Khashoggi, der am vergangenen Dienstag im saudischen Konsulat von Istanbul verschwand, gehört zu den prominentesten Publizisten und Intellektuellen seiner Heimat. Er war ein gefragter Gesprächspartner, ein Mann der klaren Worte, der sich gern mit ausländischen Besuchern traf und stets an sein Handy ging. Gleichzeitig rief er die Verantwortlichen der arabischen Welt immer wieder zu Selbstkritik und Redlichkeit auf. "Es ist höchste Zeit, dass wir uns fragen, was schief gelaufen ist", forderte er nach dem Wahnsinn des "Islamischen Staates".

Die Dschihadisten seien "wütende Jungen mit verzerrter Mentalität und Weltsicht". Sie trampelten auf dem Erbe von Jahrhunderten genauso herum wie auf den Errungenschaften der Moderne. Alle ihre Überzeugungen von Politik, Leben, Gesellschaft und Wirtschaft passten auf zwei, drei DIN-A4-Seiten. "Es wird Zeit, dass wir nach innen schauen. Alle, die von einer ausländischen Verschwörung faseln, verdrängen die Wahrheit und schließen die Augen vor unseren eigenen Fehlern." Man habe Tyrannei mit Stabilität verwechselt, man habe soziale Verelendung in den Völkern ignoriert, das religiöse Leben sei passiv und inaktiv. Religion diene vor allem der Legitimierung von Macht. Und niemand wolle eigene Fehler zugeben.

Für ein System, in dem alle unbehelligt ihre Meinung sagen können

Am 13. Oktober 1958 in Medina geboren, stammt Khashoggi selbst aus dem saudischen Establishment. Zu seiner Verwandtschaft gehört der Multimilliardär Adnan Khashoggi, der sein Vermögen im Waffenhandel verdiente. Einer seiner Vorfahren war Leibarzt des Staatsgründers Abdel Asis ibn Saud. Als Reporter berichtete Khashoggi in den Achtziger- und Neunzigerjahren aus Algerien, Kuwait, dem Sudan und Afghanistan. Wochenlang reiste er in der Entourage des damals noch relativ unbekannten Osama bin Laden. 1988 schrieb der Journalist das erste große Porträt des Al-Kaida-Chefs für ein saudisches Wochenmagazin. Aus dieser Zeit stammt seine Überzeugung, die arabischen Regime sollten moderaten Islamisten wie den Muslimbrüdern mehr Raum geben, wenn sie radikale Strömungen wie Al-Kaida bekämpfen wollten.

Als junger Mann tief religiös und Mitglied der Muslimbrüder, wurden Khashoggis Ansichten mit zunehmendem Alter säkularer und liberaler. Nach dem Ende seiner Korrespondentenzeit im Jahr 1999 begleitete er die Politik seines Landes fortan mit kritischen Kommentaren und TV-Auftritten, ohne das System der Monarchie grundsätzlich infrage zu stellen. "Ich bin kein Extremist, ich habe nichts am Hut mit Saudis, die nach einem Systemwechsel rufen", sagte er einmal in einem Interview und nannte solche Forderungen "lächerlich". Was er wolle, sei ein reformiertes System, ein System, in dem alle Bürger unbehelligt ihre Meinung sagen könnten.

Diese Offenheit und Unabhängigkeit gepaart mit unverbrüchlicher Loyalität zu seiner Heimat machten ihn zum gesuchten Gesprächspartner, auch in den Führungszirkeln seines eigenen Landes. Von 2003 bis 2006 arbeitete er in London und Washington als Sprecher des saudischen Botschafters Prinz Turki ibn Faisal, der 24 Jahre lang Geheimdienstchef des Königreichs war. Bisweilen geriet er mit den Autoritäten aneinander, zweimal musste er den Sessel als Chefredakteur der relativ liberalen Zeitung Al-Watan räumen. Im Prinzip aber ließen ihn die Machthaber gewähren – bis zu jenem 15. November 2016, als er wenige Tage nach der Wahl von Donald Trump bei einer Podiumsdiskussion im Washington Institute for Near East Policy das Königshaus öffentlich warnte, dem kommenden Mann im Weißen Haus blind zu vertrauen. Trump hege eine Abneigung gegen Muslime und bewundere Russlands Präsident Wladimir Putin, beides könne den saudischen Interessen schaden, argumentierte Khashoggi.

"Raus hier, solange es noch geht, bevor es zu spät ist"

Danach begann der Ärger, der dem 59-Jährigen zunächst ein Publikationsverbot eintrug, ihn dann ins Exil zwang und jetzt möglicherweise mit seiner Ermordung durch ein saudisches Killerkommando endete. Denn anders als Khashoggi sah der junge Kronprinz Mohammed bin Salman in Trump den zentralen Hoffnungsträger für Saudi-Arabien – nach dem Dauerstreit mit Barack Obama endlich wieder ein US-Präsident auf gleicher Wellenlänge mit dem Königshaus im Kampf gegen den Erzrivalen Iran. Diese neue strategische Beziehung wollte der Thronfolger auf keinen Fall durch kritische Begleittöne gefährdet sehen.

Und so ließ er den Skeptiker mundtot machen. Ab sofort durfte Khashoggi nicht mehr in saudischen Zeitungen schreiben, im Fernsehen auftreten und twittern. Ein Assistent des Kronprinzen habe ihn angerufen und ihm dies ausgerichtet. "Ich konnte keinen Widerspruch einlegen, auch gab es keine Anordnung eines Gerichts. So ist hier das System", sagte der Gebannte. Im September 2017 entschloss er sich dann zur Flucht, als immer mehr Freunde verhaftet oder mit Reiseverbot belegt wurden. Khashoggi flog nach Washington – "raus hier, solange es noch geht, bevor es zu spät ist", wie er schrieb. Kurz danach bewahrheiteten sich seine Vorahnungen, als die Massenverhaftungen von superreichen Geschäftsleuten, Fernsehgewaltigen und Mitgliedern der Königsfamilie begannen. Wochenlang wurden diese im Ritz-Carlton von Riad eingesperrt, um ihnen Teile ihres Vermögens abzupressen.

Khashoggi dagegen begann nun aus der Ferne, die Innen- und Außenpolitik von Kronprinz Mohammed bin Salman immer deutlicher zu kritisieren – den Boykott gegen Katar, den verheerenden Krieg im Jemen, die Verhaftung von Frauenrechtlerinnen und zuletzt das Zerwürfnis mit Kanada. Die Washington Post ließ seine Kommentare ins Arabische übersetzen, was die Herrscher in Riad zusätzlich provozierte. Seine Familie ging auf Distanz. Seine Frau ließ sich scheiden, viele Verwandte wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben – ein Preis für seinen Widerstand, der ihm mehr und mehr auf der Seele lag. "Ich habe mein Haus, meine Familie und meine Arbeit verlassen, und erhebe nun meine Stimme", schrieb Khashoggi. "Alles andere ist Verrat an denen, die im Gefängnis sitzen. Ich kann reden, während so viele es nicht können."