Die Hinweise verdichten sich, dass der regimekritische Journalist Dschamal Chaschukdschi am 2. Oktober in die saudische Botschaft in Istanbul gelockt und dort ermordet worden ist. Sollte es so sein, ist schwer vorstellbar, dass Saudi-Arabiens Machthaber Mohammed bin Salman davon nichts gewusst hat. Wenn es ein Auftragsmord war, dann führt die Spur wohl in das Königshaus. Doch Mohammed bin Salman wird deswegen nicht allzu viel zu befürchten haben. Jedenfalls nicht aus dem Westen und schon gar nicht aus Europa.

US-Präsident Donald Trump hat sich zwar lautstark zu Wort gemeldet, aber er wird gewiss nicht an der engen Freundschaft mit dem Königshaus rütteln wollen. Und die EU? Frankreichs Regierung hat lange geschwiegen und verlangte dann in einer Stellungnahme von den saudischen Behörden "Aufklärung und Transparenz". Eine leere diplomatische Formel, nichts weiter. Aus Brüssel ist ähnlich Nichtssagendes zu vernehmen. 

Auch von der Bundesregierung kommt nichts. Außenminister Heiko Maas ist zwar nach Angaben des Auswärtigen Amtes mit dem saudischen Botschafter in Kontakt getreten und hat seine "Sorge" über den Fall geäußert, aber das war es dann auch schon. Man würde sich gerne vorstellen, mit welchen Sätzen Maas ein solch heikles Gespräch eingeleitet hat. Es wird ihm sicher etwas eingefallen sein. Schließlich hat Maas kürzlich den Saudis öffentlich gesagt, er bedaure "aufrichtig (…) Missverständnisse" in der Kommunikation.

Sein Vorgänger und SPD-Parteifreund Sigmar Gabriel hatte 2017 "politisches Abenteurertum" im Nahen Osten angeprangert. Saudi-Arabien hatte er dabei nicht explizit genannt, doch war klar, wer damit gemeint war. Die Saudis zogen daraufhin ihren Botschafter aus Berlin ab und verlangten eine Entschuldigung. Mass' Bedauern wurde zu Recht als solche verstanden.

Kanada wurde alleingelassen

Nein, Mohammed bin Salman muss sich auch jetzt keine Sorgen machen. Saudi-Arabien ist in der Region ein enger Verbündeter des Westens. Es liefert Öl, kauft Unmengen Rüstungsgüter und dient als Gegengewicht zur Islamischen Republik Iran, die Israel das Existenzrecht abspricht und im Nahen Osten ihren Einfluss systematisch ausweitet.

Protest gegen die wahrscheinliche Ermordung des Journalisten Dschamal Chaschukdschi vor der saudischen Botschaft in Istanbul © Osman Orsal/Reuters

Wenn man so viele Rollen für den Westen spielt, dann kommt man mit vielem durch, ohne dass es Konsequenzen hätte. Wie schwach, uneins und opportunistisch der Westen ist, das hat Mohammed bin Salman vor wenigen Wochen erst erfahren dürfen.

Als die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland sich per Twitter darüber alarmiert zeigte, dass die Menschenrechtlerin Samar Badawi ins Gefängnis geworfen worden war, zog Saudi-Arabien seinen Botschafter ab. Dann stellte es alle Flüge seiner staatlichen Fluggesellschaft ein und legte Ausbildungs- und Studienprogramme auf Eis, über 7.000 saudische Studentinnen und Studenten sollten zurück in die Heimat. Es war eine sehr harsche Reaktion. Kanada aber blieb dennoch bei seiner Position – und damit sehr, sehr allein. Aus den westlichen Hauptstädten kam nichts als Schweigen.

Nicht nur Saudi-Arabien, auch andere autoritäre Staaten werde das mit großer Aufmerksamkeit registriert haben. Der Fall Dschamal Chaschukdschi ist deshalb mehr als ein Skandal, es ist der Vorbote kommenden Unheils.