Chile muss nicht mit Bolivien über Zugangsrechte zum Pazifik verhandeln. Der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag entschied, dass Chile rechtlich nicht verpflichtet sei, mit Bolivien über den Grenzverlauf der beiden Länder zu verhandeln und wies damit einen Antrag Boliviens gegen sein Nachbarland ab. Zwar hätte es mehrere Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten und auch eine chilenische Erklärung gegeben, argumentierte der Präsident des IGH, Abdulqawi Ahmed Yusuf. Aus ihnen ergebe sich jedoch keine Verpflichtung für Chile, die von Bolivien geforderte Verhandlungslösung zu finden. Dies solle beide Parteien jedoch nicht davon abhalten, ihren Dialog im Geiste guter Nachbarschaft fortzusetzen, sagte er. Das Gremium fällte seine Entscheidung mit zwölf zu drei Richterstimmen.

Bolivien hatte seinen einzigen Küstenabschnitt im sogenannten Salpeterkrieg von 1879 bis 1883 an Chile verloren. Seit Jahrzehnten verlangt das Land einen Zugang zum Meer. Chile argumentierte vor Gericht, dass der Grenzverlauf mit Bolivien in einem Vertrag von 1904 geregelt worden sei, eine Verpflichtung zu Verhandlungen bestehe deshalb nicht. Die Richter wiesen acht unterschiedliche juristische Argumente zurück, die von Anwälten, die Bolivien vertraten, vorgebracht worden waren.

Die Entscheidung wurde auf riesigen Bildschirmen auf öffentlichen Plätzen in La Paz übertragen. Am Sonntag hatten katholische Bischöfe in beiden Ländern ihre Gemeinden aufgerufen, die Entscheidung friedlich zu akzeptieren.

Bei Anhörungen im März hatte der frühere bolivianische Präsident Eduardo Rodríguez Veltzé dem Richter gesagt: "Den souveränen Zugang Boliviens zum Meer wiederherzustellen, würde für Chile nur einen kleinen Unterschied machen, aber es würde das Schicksal Boliviens verwandeln." Boliviens derzeitiger Präsident Evo Morales war bei der Urteilsverkündung im Gericht anwesend und sagte, sein Land werde weiter auf seinem Anspruch auf den Meereszugang bestehen. Er verwies auf das Urteil, in dem der Gerichtshof beide Seiten aufgefordert habe, das Gespräch zu suchen. Allerdings muss Bolivien künftig als Bittsteller, nicht mehr als Klageführer agieren.

Morales hatte den Meereszugang zu einer seiner wichtigsten politischen Lebensaufgaben gemacht und sich stets siegessicher präsentiert. Seine erneute Kandidatur im kommenden Jahr ist sowieso schon stark umstritten – bei einem Referendum vor zwei Jahren hatten die Wähler gegen eine dazu nötige Verfassungsänderung gestimmt. Morales will trotzdem antreten, da die Justiz ihm mit einem umstrittenen Urteil die erneute Kandidatur schließlich doch ermöglichte.