Es ist ein kleines, aber womöglich aufschlussreiches Detail im Fall des festgenommenen früheren Interpol-Präsidenten Meng Hongwei: Warum kommunizierte Meng mit seiner Frau per WhatsApp und nicht über WeChat? Am frühen Abend des 25. September, kurz vor seinem Verschwinden, schickte Meng seiner Frau die Nachricht: "Warte auf meinen Anruf." Vier Minuten später folgte ein Messer-Emoji, das letzte Lebenszeichen, das sie von ihm erhielt. 

Meng war zuvor in China gelandet, seine Frau befand sich in Frankreich. Nun muss man wissen: Das Messenger-Programm WhatsApp ist in China gesperrt. Eine Benutzung ist nur möglich, wenn man zeitgleich VPN-Software auf dem Handy verwendet – die ebenfalls verboten ist.

Dissidenten, Journalisten, Diplomaten, Expats, alle in China, die etwas auf ihre Privatsphäre halten, weichen auf offiziell untersagte Kommunikationsmittel aus. Auf WeChat, der chinesischen Nachrichtenapp, kann der staatliche Sicherheitsapparat jederzeit mitlesen. Wenn nun einer der höchsten Vertreter des chinesischen Überwachungssystems – Meng war in Nebenfunktion chinesischer Vizeminister für Öffentliche Sicherheit – seine Nachrichten vor dessen Zugriff geheim hält, heißt das noch nicht, dass er mit seiner Frau justiziable illegale Dinge besprach. Es wirft allerdings ein Licht auf die Tatsache, dass sich chinesische Spitzenkader inzwischen kaum mehr sicherer fühlen als Dissidenten. 

2014 erwischte es Polizeichef Zhou

In China unter seinem Staats- und Parteichef Xi Jinping kann zurzeit jeder jederzeit einkassiert werden: Im Juli erst traf es Filmstar Fan Bingbing, die nach zwei Monaten in Geheimhaft vergangene Woche in einem kuriosen Akt öffentlicher Reue Steuervergehen eingestanden hat. Seit ein paar Jahren schon sind Spitzenmanager und Milliardäre zu Dutzenden verschwunden, einige tauchten wieder auf, andere landeten im Gefängnis, in den meisten Fällen wegen Untreue, im weitesten Sinne Korruption. Seit Anfang 2013 sollen Xis Antikorruptionsjäger außerdem mehr als eine Million Kader und Beamte in Gewahrsam genommen haben.

Eine offizielle Anklage braucht es dafür in China nicht: Unter Artikel 73 des Kriminalprozessrechts hat die Polizei das Recht, Verdächtige bis zu sechs Monate an einem unbekannten Ort festzuhalten. Im bisher hochrangigsten Fall erwischte es dann 2014 den ehemaligen Polizeichef selbst: Der frühere Sicherheitsminister Zhou Yongkang verschwand aus der Öffentlichkeit, 2015 wurde er wegen Bestechung, Machtmissbrauch und Geheimnisverrat zu lebenslanger Haft verurteilt. Meng Hongwei, Chinas jetzt in Ungnade gefallener Interpol-Präsident, diente von 2004 bis 2012 als Vizeminister unter Zhou Yongkang.

Nach zwei Wochen ohne Lebenszeichen von Meng gab das chinesische Sicherheitsministerium am Montag nun offiziell bekannt, Meng sei in Bestechung verwickelt und die Ermittlungen gegen ihn seien notwendig, um "den giftigen Strom", den Zhou Yongkang hinter sich herziehe, "von Grund auf zu bereinigen". Zhou galt als einer der mächtigsten Widersacher Xi Jinpings im Ständigen Ausschuss des Politbüros. Vor Gericht warf die Anklage ihm unter anderem vor, dass er Telefonwanzen eingesetzt habe, um die Führungsriege um Xi auszuspionieren.

Dass der Präsident nun weiter im Umfeld seines früheren Gegners ausmistet und Meng Hongwei mit Verzögerung aus dem Weg räumt, ist also nicht verwunderlich. Auch Zhou Yongkangs zweiter ehemalige Vize, Li Dongsheng, wurde kaltgestellt: 2016 war er zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.