Birgit Svensson lebt und arbeitet seit 2003 in Bagdad. Als freie Journalistin an einem der gefährlichsten Orte der Welt schreibt und berichtet sie unter anderem für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE. Sie ist eine der ganz wenigen westlichen Frauen, die vor Ort die dramatischen Veränderungen im Irak erleben. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem aktuellen Buch "Mörderische Freiheit – 15 Jahre zwischen Himmel und Hölle im Irak" (Herder, Freiburg im Breisgau).

Der Irak ist das Schlüsselland für die Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens. Der Irak ist das Schicksal für die Region: Nahe Vergangenheit und Zukunft liegen hier eng beieinander. Doch das Schicksal ist dieses Mal nicht die Verbreitung einer Hochkultur wie zu Zeiten Mesopotamiens, sondern eines weltumspannenden Terrors, der in Afghanistan begann, sich im Irak fortsetzte und dort vervollständigte. Die Kriege in Syrien, Libyen, Jemen und jetzt auch in der Türkei mit den Kurden sind die Folge. Die Krisen am Golf, im Libanon, die Flüchtlingskatastrophe in Jordanien, die Stellvertreterkriege zwischen Saudi-Arabien, dem Iran und Israel, der Terror in Ägypten wären ohne das Desaster im Irak schwer vorstellbar. Die Region sähe heute völlig anders aus.

Ohne das Erstarken extremistischer religiöser Gruppen, dem die US-Administration tatenlos zusah, wäre der Bürgerkrieg in Syrien längst zu Ende, und im Jemen hätte er gar nicht erst begonnen. Ohne das Erstarken Irans, das durch das Machtvakuum im Irak begünstigt wurde, würde sich Saudi-Arabien nicht so massiv herausgefordert fühlen. Blutige Konflikte um die Vormachtstellung im Nahen Osten sind die Folge, die sich zu Weltkriegen auswachsen. Die neue Weltordnung der Amerikaner, wie sie sie in ihrer Hybris mit der Invasion in den Irak 2003 schaffen wollten, wurde zum Scherbenhaufen der Weltpolitik.

Autokraten, Diktatoren und Gewaltherrscher auf dem Vormarsch

Einen Zusammenhang zwischen der sogenannten Arabellion in den Ländern Tunesien und Ägypten mit dem Desaster im Irak bezweifeln viele. Ich dagegen bin überzeugt, dass die Aufstände dort sehr wohl mit der Entwicklung im Irak zusammenhängen. Die Tatsache, dass ein "großer arabischer Führer" wie Saddam Hussein gestürzt werden konnte, hinterließ Spuren bei der jungen Bevölkerung Arabiens. Seine Unverwundbarkeit war plötzlich nicht mehr gegeben, alles wurde möglich. Die bewusste Demütigung des vermeintlich Unantastbaren, als er aus dem Erdloch herausgezogen und verhaftet wurde, verfehlte nicht die psychologische Wirkung.

Das Foto, das Saddam verwahrlost und zerzaust zeigt, als er eine Speichelprobe zur Identitätsfeststellung abgeben musste, ging um die Welt und prägte sich in das Gedächtnis vieler, vor allem junger Menschen der Region ein. Dadurch wuchs die Begehrlichkeit, auch andere Gewaltherrscher loszuwerden. Der Dominoeffekt, auf den George W. Bush bei der Invasion in den Irak spekulierte, setzte also tatsächlich ein, verkehrte sich jedoch in das Gegenteil dessen, was der damalige US-Präsident erreichen wollte. Nicht Demokraten sind im Nahen und Mittleren Osten auf dem Vormarsch, sondern Autokraten, Diktatoren und Gewaltherrscher, die weit brutaler, rücksichtsloser und gewalttätiger sind als vordem. Oft mit dem Argument, keinen zweiten Irak zu wollen, lassen Regimes wie das syrische und das ägyptische ihr Land eher untergehen, als dass sie Kompromisse eingehen, um Macht und Ressourcen zu teilen. 

Viele Einwohner der Region sahen, sosehr sie sich Saddam zum Teufel wünschten, in der Invasion im Irak 2003 eine neue Demütigung und erinnerten sich an 1798, als Napoleon mit überlegenen Waffen in ihre Welt einbrach und nach Jahrhunderten islamischer Glanzzeit die westliche Überlegenheit demonstrierte. Oder an 1916, als durch das britisch-französische Sykes-Picot-Abkommen die Region willkürlich auseinandergerissen und den Kolonialmächten zugeteilt wurde. Oder an 1967, als der ihnen aufgezwungene Nachbarstaat Israel im Sechstagekrieg die Ägypter und Syrer vernichtend schlug. Oder an 2001, als ihnen nach den Terroranschlägen in New York und Washington kollektive Verachtung und Misstrauen entgegengebracht wurde.

Vor allem junge Araber unter 25 Jahren, die die Mehrheit in den meisten Ländern im Nahen Osten bilden, machen diese Entwicklungen für die heutige Misere verantwortlich und klagen die westlichen Länder an, zu lange die Lähmung ihrer Gesellschaften durch die Unterstützung der autokratischen Herrscher mit befördert zu haben – Vetternwirtschaft und Korruption inbegriffen. Der sich schnell formierende internationale Widerstand gegen die westlich dominierte Kriegsallianz im Irak vereinte Unzufriedene, Frustrierte und Wütende aus der ganzen Region.