Wie soll man bloß wissen, ob man in einer Diktatur lebt? In Brasilien macht niemand einen Aushang, der erklärt, dies oder das dürfe nicht mehr gedacht, gesagt oder geschrieben werden, dieses oder jenes Verhalten führe zu Verhaftung oder gar Tod. Kein Gesetz ist verändert worden. Und doch haben viele Menschen Angst, weil am Sonntag der bekennende Rechtsextreme Jair Bolsonaro zum Präsidenten gewählt worden ist. Wie begründet ist ihre Furcht? 

Als Bolsonaro noch Hinterbänkler im Parlament von Brasília war, kam er Journalisten gegenüber schnell und provokant auf Hitler zu sprechen, auf ungute Durchmischung der Rassen (so nannte er es) und auf Lehrer, die Kinder angeblich zu Homosexuellen erzögen. Er war auch jovial und freundlich. Er schlug den Berichterstattern auf die Schulter, und immer war klar: Seine Sprüche sollten eher provozieren, vielleicht schockieren, aber sie waren nicht ganz ernst gemeint. Es wurde gelacht.

Bolsonaro macht das schon jahrzehntelang so. Er klopft krasse, abwertende, nicht selten menschenverachtende Sprüche gegen Andersdenkende und Minderheiten. Er droht Folter, Vergewaltigung und Tod an und hinterher war es alles nicht so gemeint. Seine Söhne, ebenfalls Politiker, legen auf Dads Rhetorik bisweilen noch eins drauf. Und einige Politiker in seinem Gefolge reden inzwischen ähnlich daher, weil man damit in die Schlagzeilen gerät und weil es im Wahlkampf so gut funktioniert hat. Zum Beispiel in der Wirtschaftsmetropole São Paulo. Da hat der ins Bolsonaro-Lager gewechselte João Doria gerade die Wahl zum Gouverneur gewonnen. Und sagte gleich danach: Wenn ein Polizist künftig einen Verdächtigen erschieße, dann werde er ihm "die besten Anwälte" besorgen, die es gebe. Der Gouverneur. 

Angst vor der Polizei

Das reicht, damit sich Angst ausbreitet, auch wenn keiner die Gesetze ändert und auch noch keine Gesetze gebrochen werden. Es hat nur einer eine Bemerkung gemacht. Und allein deshalb beschleicht manche Leute Furcht, wenn sie auf die Straße gehen, vor allem wenn sie in den Augen einiger Sicherheitskräfte sowieso schnell wie Verdächtige aussehen – weil sie dunkelhäutig sind, keine schönen Kleider tragen oder in einem düsteren Teil der Städte leben müssen.

Ist es jetzt so, dass Polizeibeamte sich sicherer fühlen werden, selbst wenn sie etwas Falsches tun? Wird das nicht zu willkürlichen Hinrichtungen führen, wie man sie – so geht es aus Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International Jahr für Jahr hervor – schon jetzt von vielen Orten in Brasilien kennt? Gegen wen wird es sich richten? Gegen ethnische Minderheiten? Gegen politisch Andersdenkende? Gegen polizeikritische Linke bei einer Demonstration?

Zu den Kraftsprüchen des neuen Präsidenten gehören die Gewaltaufrufe schon länger: Man solle Banditen einfach erschießen, Zehntausende davon, man solle den Ex-Präsidenten Fernando Henrique Cardoso erschießen. Bolsonaro zielte mit Fingern auf eine Puppe des inhaftierten Ex-Präsidenten Lula da Silva und gab dergleichen Einlagen mehr. Er selbst sagte dann immer schnell: Es sei nicht so gemeint, es sei ein Scherz gewesen, eine Übertreibung, eine rhetorische Figur.

Außerdem seien die wahren Opfer die vielen anständigen Polizisten und Militärs, die seit Jahren im Kreuzfeuer brasilianischer Banditen stünden und deren Sterben kaum noch jemand aufrege. So herum betrachtet hat Bolsonaro sogar recht, und viele Anhänger des neuen Präsidenten verstehen ihn genau so. Sie sagen, es gehe darum, eine unheilvolle Debatte in der brasilianischen Öffentlichkeit zu verschieben, bei der immer die Täter bedauert und die Opfer verschwiegen würden. Wenn Bolsonaro in dieser Frage krasse Sprüche klopfe, dann meine er es nicht so. Er sei eben ein früherer Hauptmann mit derber Sprache, man solle sich bitte schön nicht aufregen.