1. Was geschah mit Jamal Khashoggi?

Jamal Khashoggi betrat am 2. Oktober das saudi-arabische Konsulat in Istanbul, um Unterlagen abzuholen, die er für seine Hochzeit benötigte. Als er nach mehreren Stunden nicht zurückkam, informierte seine Verlobte, die vor dem Gebäude auf ihn gewartet hatte, die türkischen Behörden. Seitdem galt er als verschwunden.

Nach oben

2. Was sagt Saudi-Arabien zu seinem Tod?

Zunächst hatte Saudi-Arabien bestritten, für das Verschwinden Khashoggis verantwortlich zu sein. Es hieß, Khashoggi sei nur wenige Minuten im Gebäude gewesen und hätte es danach wieder verlassen.

Knapp drei Wochen später veröffentlichten saudische Staatsmedien dann erstmals eine offizielle Version, wonach der Tod des Journalisten ein Unfall gewesen sei. Khashoggi sei bei einem "tödlichen Faustkampf" ums Leben gekommen, hieß es. Außenminister Adel al-Dschubeir sprach am 21. Oktober im US-Sender Fox News von einem "riesigen und schwerwiegenden Fehler". Wo Khashoggis Leiche jetzt sei, wisse man nicht. Al-Dschubeir dementierte jegliche Verwicklung der Regierung und des Kronprinzen Mohammed bin Salman in den Fall. Der Minister versicherte, seine Regierung sei entschlossen, "jeden Stein umzudrehen", alle Fakten aufzuklären und die Verantwortlichen für diese "Verirrung" zu bestrafen. 

Saudi-Arabien - Neue Details zum Fall Khashoggi Ein saudischer Regierungsvertreter sagte, der Journalist Jamal Khashoggi sei erwürgt worden. Diese Darstellung widerspricht früheren Aussagen aus Saudi-Arabien. © Foto: Emrah Gure/AP Photo/dpa

Nach oben

3. Wen macht Saudi-Arabien verantwortlich?

Das Königreich verdächtigt 18 saudische Staatsbürger, die am 20. Oktober in Saudi-Arabien festgenommen worden sein sollen. Sie werden laut dem saudi-arabischen Generalstaatsanwalt verdächtigt, Khashoggi getötet zu haben. Saudi-Arabien weigert sich, die Verdächtigen auszuliefern. "Sie sind in Saudi-Arabien inhaftiert, die Ermittlung findet in Saudi-Arabien statt und sie werden in Saudi-Arabien strafrechtlich verfolgt", hatte der Außenminister Adel al-Dschubeir bei einer internationalen Sicherheitskonferenz in Bahrain Ende Oktober erklärt.

Nach oben

4. Wie beurteilen die türkischen Behörden den Tod Khashoggis?

Laut dem türkischen Generalstaatsanwalt ist Khashoggi unmittelbar nach Betreten der Botschaft erwürgt worden. Nach der Tötung sei der Körper des Journalisten zerteilt und vernichtet worden. Der Mord und die Beseitigung der Leiche seien einem "vorgefassten Plan" gefolgt. Das sagte der Generalstaatsanwalt am 31. Oktober.

Unklar ist weiterhin, wo die Leiche Khashoggis ist. Am 10. November berichtete die türkische regierungsnahe Zeitung Sabah, die türkischen Ermittlungsbehörden würden davon ausgehen, dass Khashoggis Leiche in Säure aufgelöst worden sei. Im gesamten Verlauf der türkischen Ermittlungen war es so, dass Medien Informationen über den Stand der Ermittlungen bekamen, die später von offiziellen Stellen bestätigt wurden.

Schon kurz nach Beginn der Ermittlungen war berichtet worden, dass die türkischen Behörden über Audio- und Videoaufnahmen verfügten, die die Tötung Khashoggis beweisen sollen. Präsident Erdoğan sagte am 10. November, die Aufnahmen seien mit verschiedenen Ländern geteilt worden, darunter auch Deutschland. Er hatte am 2. November gesagt, die Entscheidung, Khashoggi zu töten, sei auf der "höchsten Ebene" der saudi-arabischen Regierung angeordnet worden. Außerdem sagte er, die türkischen Ermittlungsbehörden seien sich sicher, dass die Täter unter den 18 von Saudi-Arabien festgenommenen Verdächtigen seien. Schon vorher hatte er von einem "politischen Mord" gesprochen und gesagt, die Täter müssten in der Türkei vor Gericht gestellt werden.

Weiter hatte der türkische Präsident gesagt, der Plan zur Ermordung Khashoggis sei bereits am 28. September gefasst worden. Einen Tag vor dessen Besuch im Konsulat sei dann ein saudi-arabisches Kommando nach Istanbul geschickt worden, welches das Umland Istanbuls erkundet habe. Ein zweites Team sei am 2. Oktober eingetroffen und habe im Konsulat das Kamerasystem abgeschaltet.  

Laut Medienberichten machen die Ermittler in der Türkei insgesamt 15 Personen für die Aktion verantwortlich. Nach Informationen der New York Times haben die meisten von ihnen beim saudischen Militär gedient oder für saudische Sicherheitsdienste gearbeitet. Vier von ihnen, so wollen es türkische Medien erfahren haben, gehören zur engsten Entourage des saudischen Kronprinzen, darunter der persönliche Bodyguard des Thronfolgers, Maher Abdulaziz Mutreb, der als Befehlshaber vor Ort gilt und einen Diplomatenpass besitzt. Zur Gruppe gehörte demnach auch ein hochrangiger Gerichtsmediziner, mit dessen Hilfe Khashoggis Leiche beseitigt worden sein soll. Sie soll mit dessen Knochensäge zerschnitten und anschließend in Koffern aus der Botschaft gebracht worden sein. Anschließend, so vermuten es die türkischen Ermittler, wurden nahezu sämtliche Räume des Gebäudes neu gestrichen, um Blutspuren und sonstige Hinweise zu beseitigen. 

Türkische Einheiten hatten seitdem auch außerhalb des Konsulats nach der Leiche Khashoggis gesucht. Unter anderem war der Belgrader Wald bei Istanbul durchsucht worden, zudem eine Villa, die einem der mutmaßlichen Täter gehören soll.

Nach oben

5. Wer war Jamal Khashoggi?

Khashoggi war einer der wichtigsten Journalisten Saudi-Arabiens. Der 59-Jährige arbeitete als Korrespondent und war Teil der Chefredaktion einer der wichtigsten saudi-arabischen Medien. Er entstammt einer regimenahen einflussreichen Familie und fungierte zwischenzeitlich auch als Berater und inoffizieller Sprecher der königlichen Familie. Seit dem Aufstieg des 33-jährigen Kronprinzen Bin Salman zum De-facto-Herrscher Saudi-Arabiens verschlechterte sich Khashoggis Verhältnis zum Königshaus. In mehreren Artikeln kritisierte er das Regime. 2017 ging er ins Exil in die USA und schrieb kritische Kolumnen für die Washington Post über sein Heimatland und dessen Regierung. Inzwischen hat Khashoggis Sohn, der noch in Saudi-Arabien lebte, das Land verlassen.

Nach oben

6. Warum wurde Khashoggi umgebracht?

Das ist unklar. Saudi-Arabien hat sich nicht zum Motiv der 18 Verdächtigen geäußert, die in der Botschaft festgenommen worden sein sollen. Ein politischer Hintergrund ist jedoch sehr wahrscheinlich. Die Tötung eines Kritikers ist allerdings ungewöhnlich – Mohammed bin Salman ist eher dafür bekannt, Dissidenten wegzusperren und zu harten Strafen zu verurteilen. Sollte Khashoggi jedoch tatsächlich direkt nach Betreten der Botschaft stranguliert und anschließend in Säure aufgelöst worden sein, deutet das darauf hin, dass die Tötung geplant war.

Nach oben

7. Welche Rolle spielen die USA?

Es gibt drei Gründe, warum die USA in dem Fall bedeutsam sind: Erstens sind sie ein wichtiger Handelspartner Saudi-Arabiens. Die beiden Länder sind seit Jahrzehnten wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Saudi-Arabien ist – nach Kanada – der zweitgrößte Öllieferant an die USA, verkauft an die US-Amerikaner außerdem Produkte wie Chemikalien und hält Staatsanleihen im Wert von mehr als 166 Milliarden Dollar. Kronprinz Mohammed bin Salman investiert vor allem in die Technologiefirmen im Silicon Valley wie Apple, Twitter und Uber. Im Mai 2017 besuchte US-Präsident Donald Trump Saudi-Arabien – es war seine erste Auslandsreise als Präsident – und kündigte bei seiner Rückkehr an, er habe Deals in Höhe von 350 Milliarden Dollar ausgehandelt, die Tausende Jobs in den USA schaffen würden. Die Zahlen, die Trump nannte, werden zwar angezweifelt, zeigen jedoch, wie wichtig das Königreich für die USA ist.

Zweitens ist Saudi-Arabien auch für die Außenpolitik der USA im Nahen Osten wichtig. Trump möchte den Iran schwächen – dafür braucht er unter anderem die Unterstützung Saudi-Arabiens, das als regionaler Widersacher des schiitischen Mullah-Regimes in Teheran gilt. Deswegen beliefert er das Königreich mit Waffen und stützt die saudischen Angriffe im Jemen, durch die bereits Tausende Zivilisten getötet wurden.

Drittens lebte und arbeitete Khashoggi zuletzt in den USA und kritisierte das Regime in Saudi-Arabien öffentlich. Trump kann daher die Tötung eines Journalisten, der in den USA lebte, nicht einfach hinnehmen.

Nach oben

8. Wie haben die USA auf die Tötung Khashoggis reagiert?

US-Präsident Donald Trump sagte nach dem Eingeständnis Saudi-Arabiens, die Tötung sei "inakzeptabel" und ein "furchtbares Ereignis". Doch er sagte auch, die Darstellung des Königreichs sei "glaubhaft". Die Festnahmen der 18 Verdächtigen nannte er am 20. Oktober einen "guten ersten Schritt", wollte aber "eine Form von Sanktion" weiterhin nicht ausschließen. Nach einem Telefonat mit seinem türkischen Amtskollegen Erdoğan forderte er am 21. Oktober die "umfassende Aufklärung sämtlicher Aspekte". Am 1. November sagte er, er fühle sich von Saudi-Arabien nicht hintergangen. "Sie haben mich nicht betrogen", sagte Trump. "Vielleicht haben sie sich selbst betrogen."

In Trumps eigener Partei stützen einige Vertreter die türkische Version und halten den saudischen Kronprinzen für mitschuldig. Eine Gruppe von Senatoren hatte den US-Präsidenten Ende Oktober dazu aufgefordert, Verhandlungen mit Saudi-Arabien über den Bau von Atomkraftwerken zu unterbrechen. In einem Brief wiesen der republikanische Senator Marco Rubio und weitere Parteikollegen Trump darauf hin, dass die US-Senatoren schon vor der Tötung des Journalisten Vorbehalte gegen die Weitergabe von Atomenergie-Technologie gehabt hätten. Sollte Trump nicht einlenken, wollten sie versuchen, eine mögliche Vereinbarung im Parlament zu blockieren.

Nach oben

9. Was passiert jetzt?

Saudi-Arabien wird eine überzeugende Ermittlung des Falls vorlegen müssen. Die Tötung Khashoggis hat international große Aufmerksamkeit erregt, unter anderem verurteilten US-Präsident Trump, UN-Generalsekretär António Guterres und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Tötung. Auch Khashoggis Verlobte äußerte sich. Sie alle verlangten, der Fall müsse transparent aufgeklärt werden. Der saudi-arabische Staatsanwalt ist Ende Oktober nach Istanbul gereist, um dort zu ermitteln.

In Deutschland kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) außerdem an, vorerst keine Rüstungsexporte an Saudi-Arabien bewilligen zu wollen. Dies könne "nicht stattfinden in dem Zustand, in dem wir momentan sind", sagte sie am Abend des 21. Oktober nach einer Sitzung der CDU-Parteigremien in Berlin. Weiter kündigte Merkel international abgestimmte Reaktionen an. In dem Fall gebe es "dringenden weiteren Klärungsbedarf". Auch seien "längst nicht die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden".

Nach oben

10. Was sind die Folgen innerhalb des saudischen Königshauses?

Der Fall setzt Kronprinz Mohammed bin Salman, der sich bislang als moderner junger Herrscher inszeniert hat, massiv unter Druck. Bislang leugnete er, etwas über den Fall zu wissen. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass sein Vertrauter, der inzwischen entlassene Geheimdienstchef Al-Asiri, ohne sein Wissen vorgegangen ist.

In der Nacht zu Montag, dem 22. Oktober, kondolierten sowohl der König als auch der Kronprinz der Familie Khashoggis. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur SPA telefonierten beide mit den Hinterbliebenen. Saleh Khashoggi, Sohn des getöteten Journalisten, habe sich für die Anteilnahme bedankt, hieß es. Über den weiteren Inhalt der Gespräche lagen keine Angaben vor.

Nach oben