Das Entsetzen über den Mord am Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul hat nun auch ein Schlaglicht auf die Rolle Saudi-Arabiens im Jemen geworfen. Das ist einerseits zu begrüßen, denn der Krieg im ärmsten Land der arabischen Welt gehört zu den "vergessenen". Und es ist andererseits problematisch. Denn mediale Wellen der Empörung sind kurzlebig, sie teilen gern in Gut und Böse und verschleiern Konflikte eher, als sie zu erklären.

Nun erfüllt Saudi-Arabien in der Tat alle Voraussetzungen für die Rolle des bad guy, personifiziert durch Mohammed bin Salman, Kronprinz, faktisch Herrscher und enger Waffenbruder von Donald Trump. Es war MBS, wie er auch genannt wird, der im Frühjahr 2015 mit Luftangriffen in den inner-jemenitischen Konflikt zwischen Regierung und Rebellen der schiitischen Minderheit der Huthi eingriff. Was als Shock-and-Awe-Show der saudischen Luftwaffe und ihrer Verbündeten und als Warnzeichen an den Erzfeind Iran gedacht war, ist dreieinhalb Jahre später eine Desasterzone.

Den entscheidenden militärischen Segen – auch das wird heute gern vergessen – gab damals US-Präsident Barack Obama. Um die paranoide saudische Monarchie nach dem Nuklearabkommen mit Iran zu besänftigen, sicherte Obama der saudischen Luftwaffe logistische Hilfe und Aufklärung zu, ohne die sie ihren Krieg im Jemen nicht lange hätte führen können.

Die Folgen: Der Tod von über 7.000 Zivilisten durch Kampfhandlungen, überwiegend Luftschläge der saudisch geführten Koalition, ist inzwischen belegt. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Ein Bericht des UN-Menschenrechtsrats vom August 2018 dokumentiert über 100 Fälle, in denen Kampfflugzeuge Wohngebiete, Moscheen, Hospitäler, Hochzeitsgesellschaften oder Märkte angegriffen haben.

Nach UN-Angaben sind über zwei der 28 Millionen Jemeniten inzwischen Binnenflüchtlinge, 22 Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesen, über acht Millionen akut von Hunger bedroht. Hilfsorganisationen warnen zudem vor einer neuen Choleraepidemie. Nur noch die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen funktioniert – und die waren schon vor dem Krieg bei Weitem nicht ausreichend. Eine Luft-, See- und Landblockade der saudisch geführten Koalition behindert maßgeblich die Lieferung von Medikamenten und Nahrungsmitteln.

Jemen, so wird UN-Generalsekretär António Guterres nicht müde zu betonen, sei die derzeit "schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt". Aber wie spielt sie sich derzeit wirklich ab? Wer eskaliert, wer kämpft gegen wen und mit welchen Waffen? Wer versucht, zu vermitteln?