Endspurt im US-Wahlkampf - «Sie wissen nicht, was sie tun sollen, sie werden bekloppt» US-Präsident Donald Trump attackiert in seinen letzten Auftritten vor den Midterms die Demokraten. Umfragen zufolge droht den Republikanern der Verlust der Mehrheit im Repräsentantenhaus. © Foto: Carlos Barria/Reuters

Kurz vor den Kongresswahlen hatte Donald Trump das perfekte Thema für sich gefunden. Wie kaum ein US-Präsident mischte er sich in die Midterms ein und tourte von Kansas bis Texas. Denn auch wenn Trump nicht direkt zur Wahl steht, für ihn geht es, das hört man aus all seinen Reden heraus, um die Zukunft Amerikas. Und diese Zukunft soll unbedingt weiter Trumps Weltbild widerspiegeln.

Da passte es dem Präsidenten ausgesprochen gut in seine Inszenierung, dass sich Tausende Migrantinnen und Migranten in Lateinamerika auf den Weg Richtung Norden gemacht haben, in der Hoffnung, die USA zu erreichen und damit ein besseres Leben. "Das ist ein Angriff auf unser Land", sagte Trump bei einer Veranstaltung in Houston im US-Bundesstaat Texas. Unter den Migranten seien Terroristen, und noch ein bisschen genauer, "gefährliche Unbekannte aus dem Nahen Osten". Er geht so weit, nun das Geburtsrecht auf die US-Staatsbürgerschaft abschaffen zu wollen, obwohl er als Präsident das nicht einfach kann, denn dieses Recht ist in einem Zusatz der Verfassung garantiert. Und natürlich warf Trump den Demokraten vor, etwas damit zu tun gehabt zu haben, dass sich die Migranten überhaupt auf den Weg gemacht hatten. 

Belege für seine Thesen bleibt der US-Präsident schuldig, wie so oft. Doch diejenigen, die Trump mit seinen Worten erreichen will, brauchen keine Fakten. Seine wichtigste Zielgruppe, die bei den Wahlen an diesem Dienstag noch einmal dafür sorgen soll, dass die Republikaner sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit behalten, sind die weißen Männer. Genauer gesagt weiße Männer zwischen 30 und 65 Jahren, die eine Highschool besucht haben oder etwas besser ausgebildet sind, aber keinen Uniabschluss haben. Sie waren Trumps Hauptwählergruppe bei der Präsidentschaftswahl

Damals, 2016, hatte Trump vor allem die Mittelschicht und die untere Mittelschicht von sich überzeugt; diejenigen, die aus ihrer Sicht viel verloren haben in den vergangenen Jahren – Jobs, Status, Anerkennung – und sich fürchten, noch mehr zu verlieren, vor allem ihre Identität.

Die Identität der weißen Männer, also denjenigen unter ihnen, die sich Trump aus den genannten Gründen angeschlossen haben, wird dabei aus ihrer Wahrnehmung besonders von zwei Gruppen bedroht: von Nichtweißen – und dabei wird nicht unterschieden zwischen Afroamerikanern, Latinos oder Einwanderern aus arabischen Ländern – und von Frauen.

USA - Kongresswahlen haben begonnen Es sind die ersten Kongresswahlen in den USA, seit Donald Trump Präsident ist. Neu gewählt werden unter anderem alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und ein Teil des Senats. © Foto: picture alliance/Patrick Semansky/AP/dpa

Trump kümmert sich seit zwei Jahren darum, dass dieses Bedrohungsszenario auf der einen Seite aufrechterhalten und auf der anderen Seite bekämpft wird. Bekämpft, weil Trump etwas für diese weißen Männer tut: Einen seiner wenigen substanziellen politischen Erfolge, die Steuerreform, verkauft er vor allen Dingen dem sogenannten kleinen Mann als Vorteil, der dadurch kurzfristig mehr Dollar in der Tasche habe. Dabei geht es der US-Wirtschaft gut, die Arbeitslosenzahl ist gering. Ob mehr Geld für die working class tatsächlich auf Trumps Politik der vergangen zwei Jahre zurückzuführen ist, ist fraglich. Doch Trump erklärt es zu seinem Erfolg.

Aufrechterhalten hat Trump die Identitätsangst der weißen Männer mit seiner konstant aggressiven Rhetorik, nach innen wie nach außen. Wenn er sagt, sein Atomknopf sei größer als der von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, feiern seine Fans ihn dafür. Es ist eine Sprache, die sie verstehen, die des starken Mannes. Außerdem schürt Trump seit zwei Jahren kontinuierlich Angst vor Überfremdung und einem hasserfüllten Mob, der die Straßen Amerikas übernehmen könnte – nicht erst seit sich der Migrantentreck auf den Weg gemacht hat.

Trump gibt seinen Anhängern das Gefühl, sie nicht aufzugeben. Daher werden die Stimmen derer, die Trump vor zwei Jahren zum Sieg verholfen haben, bei den Midterms erneut Gewicht haben.

Machtsicherung mit strukturellem Rassismus

Dabei geht die Ära der Weißen im Land demografisch zu Ende. Dieser Wandel liegt in der historischen Beschaffenheit der USA begründet. Amerika ist immer ein Einwandererland gewesen, es rühmt sich, dass es jeder dort zu etwas bringen kann. Der Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos gilt potenziell für jeden. Neue Prognosen der Regierung gehen davon aus, dass das Land spätestens im Jahr 2045 minority white sein wird, Weiße also in der Minderheit sein werden. 

Doch Teil der Geschichte der USA ist auch, dass Weiße ihre Macht in dem vergleichsweise jungen Land jahrzehntelang zunächst mit gesetzlich legitimiertem und anschließend mit strukturell implementiertem Rassismus gesichert haben. Im 21. Jahrhundert sind Afroamerikaner und Latinos sozioökonomisch immer noch schlechtergestellt als Weiße. Die rassistischen Ausschreitungen in Charlottesville im vergangen Jahr waren nur ein besonders dramatischer Ausbruch von Rassismus im Land.

Viele weiße Trump-Unterstützer sehen nun ihre eigene Zukunft bedroht: Ihre bis vor Kurzem wie selbstverständlich gelebte Vormachtstellung schwindet, der Wohlstand erodiert seit Jahren, die Gesellschaft verändert sich in einem Tempo, bei dem viele nicht mitkommen. 2015 zeigte eine Untersuchung der Universität Princeton, dass die Sterblichkeitsrate von weißen Amerikaner zwischen 45 und 54 Jahren steigt – entgegen dem Trend in anderen Industriestaaten. Die Todesursachen: Selbstmord, Drogenmissbrauch und chronische Lebererkrankungen (die Untersuchung hier als PDF). Die Ängste und das Gefühl des Machtverlusts der weißen Männer konnte Trump im Präsidentschaftswahlkampf für sich nutzen, obwohl er angesichts seiner wohlhabenden Herkunft selbst nicht zu dieser Gruppe gezählt werden kann.

Trump ist der Posterboy derer, die sich unverstanden fühlen und das in Aggressivität kanalisieren; er ist ihre letzte Hoffnung. Und das hat sich in den knapp zwei Jahren seiner Amtszeit nicht geändert. Trump lebt mit seiner Art, die mächtigste Rolle im Staat auszufüllen, und mit seiner ungefilterten Rhetorik vor, was viele weiße, konservative Männer denken: "Jetzt erst recht. Wir lassen uns nicht kleinmachen." Jeder Vorwurf, jede Kritik wird mit einem Angriff gekontert. Der Verdächtige, der Briefbomben an Hillary Clinton, Barack Obama und andere demokratische Politiker und Trump-Kritiker geschickt haben soll, ist Republikaner und Trump-Fan.