Es ist ein strapaziöser Weg, auf den sich die Männer, Frauen und Kinder aus Zentralamerika gemacht haben. Gerade befinden sie sich im Süden Mexikos. Dort herrscht drückende Hitze, Regengüsse durchnässen ihre Kleidung und Habseligkeiten. Viele haben Blasen und offene Wunden an den Füßen, denn sie gehen in Flipflops und Plakstiksandalen. Seit San Pedro Sula, der Stadt im Norden von Honduras, in der sie vor etwas mehr als einer Woche aufgebrochen sind, haben sie schon mehrere Hundert Kilometer zurückgelegt – die meisten zu Fuß. 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Migranten aus Zentralamerika so in Richtung USA ziehen. Im Jahr überqueren, so schätzen die Vereinten Nationen, rund 500.000 Menschen die Grenze im Süden Mexikos. Die meisten von ihnen wollen in die USA. Ungewöhnlich ist, dass sie dieses Mal in einer so großen Gruppe unterwegs sind. Wie Medien berichten, folgten einige den Nachrichten in sozialen Netzen. Andere hätten sich spontan dem Zug angeschlossen. Die Migrantinnen und Migranten hoffen, in der Menge besser geschützt zu sein vor Gewalt, die ihnen auf dem Weg geschehen kann: durch organisierte Banden, Menschenhändler oder einfache Kriminelle, die erpressen, rauben und vergewaltigen.

4.000 Kilometer bis Tijuana

Fast 4.000 Kilometer sind es bis nach Tijuana, der mexikanischen Grenzstadt im Norden, die das Ziel von vielen ist. Andere Grenzübergänge in die USA liegen um die 2.000 Kilometer entfernt. Doch in den USA sind die Menschen aus dem Süden nicht willkommen. US-Präsident Donald Trump hat sie als Kriminelle geschmäht und angekündigt, die US-Grenzen mit zusätzlichen Soldaten zu schützen. "An jene in der Karawane: Dreht um. Wir lassen keine Leute illegal in die Vereinigten Staaten", twitterte Trump am Donnerstag.

Den meisten Migrantinnen und Migranten aber scheint das gleichgültig. Rund 100 sollen angesichts von Trumps Drohungen umgekehrt sein, und der mexikanischen Regierung zufolge haben rund 1.700 weitere aus der Gruppe Asyl in Mexiko beantragt. Aber die meisten sagen, sie seien entschlossen, bis in die USA zu gehen. Denn auch Mexiko will sie nicht. Und nach Hause zurückzukehren, ist für sie keine Option. In ihren Heimatländern sehen sie keine Zukunft, weder für sich noch für ihre Kinder. 

Wo die Migranten gerade sind

Manchmal versorgen Menschen, die sie unterwegs treffen, die Flüchtenden mit Wasser, mit Windeln für die Kinder, mit Kleidung oder Essen; oder sie bieten eine Mitfahrgelegenheit auf einem Pick-up oder Lkw an. Viele Mexikanerinnen und Mexikaner sind der Ansicht, als Bürger eines Landes, aus dem selbst so viele in die USA gegangen sind, um sich und ihren Familien eine bessere Zukunft aufzubauen, gehöre es sich, hier solidarisch zu sein. Andere aber wollen die Fremden nicht im Land. Mexiko scheint in der Migrationsfrage gespalten, so wie viele andere Länder.

Am Dienstag legte der Treck eine Pause in Huixtla, Chiapas, ein. Die Menschen kampierten unter Zeltplanen, um sich von den Strapazen des Marsches zu erholen, sie versorgten ihre wunden Füße, tranken viel, blieben im Schatten und bewegten sich so wenig wie möglich, um zu Kräften zu kommen. Doch schon am nächsten Tag machten sie sich erneut auf den Weg, ins etwa 64 Kilometer entfernte Mapastepec. Für die Strecke brauchten sie, so berichteten Nachrichtenagenturen, zwölf Stunden. Am Donnerstag erreichten sie nach einer Etappe von 48 Kilometern den Ort Pijijiapan.

Zuhause ist es nicht besser

Die USA sind noch weit weg

Die Menschen nehmen die Strapazen in Kauf, weil sie von einer Rückkehr in ihre Heimatländer Honduras, El Salvador und Guatemala nichts Besseres erhoffen. Sabine Kurtenbach, Politikwissenschaftlerin und kommissarische Direktorin des GIGA Instituts für Lateinamerika-Studien in Hamburg, kennt diese Länder gut. Sie forscht in Zentralamerika schwerpunktmäßig zu Nachkriegsgesellschaften, Jugendlichen und Gewalt. "Die Migrantinnen und Migranten fliehen vor einer Mischung aus Gewalt, fehlenden Lebensperspektiven und dem Bewusstsein, dass ihre Regierungen daran nichts ändern werden", sagt Kurtenbach. "Die Menschen sagen sich: Was sollen wir noch hier? Besser, wir gehen."

In Honduras, El Salvador und Guatemala sei das Gewaltniveau sehr hoch, sagt die Wissenschaftlerin, unter anderem wegen organisierter Banden. Alle drei Länder befinden sich entlang der Drogenschmuggelroute aus Südamerika in die USA. Es gebe in ihnen große Ungleichheit, sagt Kurtenbach, so wie überall in Lateinamerika. "Es gibt dort Einkaufsmalls wie in den USA, und direkt daneben Elend wie in manchen afrikanischen Ländern südlich der Sahara. In bestimmten Regionen Guatemalas zum Beispiel sterben Kinder an Unterernährung, und die Regierung tut nichts dagegen."

Gewalt, nicht nur wegen der Banden

In der Regel wird die Gewalt Zentralamerikas mit den Maras in Verbindung gebracht, den Jugendbanden, die einander in El Salvador, Honduras und Guatemala mit extremer Gewalt bekämpfen. Sie erpressen Geschäftsleute, ermorden ihre Gegner oder Bürgerinnen, die ihren Anweisungen nicht Folge leisten, quälen Homo- oder Transsexuelle, zwingen Jungs, sich ihnen anzuschließen, und behandeln die Mädchen, als seien sie ihr Besitz. So treiben sie viele in die Flucht.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die zentralamerikanische Migranten betreut, schreibt, dass viele davon von Angriffen oder zumindest Drohungen durch die Maras berichten. Ebenso viele sagen, sie hätten Angehörige verloren. Schon Kinder würden durch die Maras zwangsrekrutiert, berichten Ärztinnen, die mit Migrantinnen arbeiten. Sobald die Mütter die Gefahr bemerkten, nähmen sie ihre Kinder und seien weg.

Auch Kurtenbach kennt solche Geschichten. Doch sie sagt, es sei zu einfach, nur den Maras die Schuld an der aussichtslosen Lage zu geben. "Sie sind unglaublich brutal und gewaltbereit. Aber sie sind ein Produkt dieser Situation, nicht die Ursache." Denn die Regierungen behandelten ihre Bürger ebenfalls mit Gewalt.