Seit dem Debakel von Istanbul, heißt es aus dem Palast in Riad, schwankt Mohammed bin Salman zwischen düsterem Brüten und lautstarken Wutausbrüchen. Die Empörung über das saudische Königshaus und den ehrgeizigen Kronprinzen nimmt nicht ab. Sein Kürzel MBS wird verspottet als "Mister Bone Saw", der Mann mit der Knochensäge, während immer mehr gruselige Details berichtet werden, die den Vorwurf eines königlichen Auftragsmords an Jamal Khashoggi stützen. Inzwischen eskaliert das makabre Verbrechen zu einer Staatskrise, die auch mit dem Sturz des Thronfolgers enden könnte. In Riad jedenfalls kursieren bereits Gerüchte, Mohammeds drei Jahre jüngerer Bruder Khalid, der kürzlich nach Hause beorderte saudische Botschafter in Washington, könne schon bald die Nachfolge antreten.

Der greise König Salman holte seinen als ungestüm und impulsiv geltenden Lieblingssohn Mohammed vor drei Jahren mit an die Spitze des Königreichs. Schnell avancierte er zum Chefmodernisierer Saudi-Arabiens und zum Hoffnungsträger der jungen Leute, die gut die Hälfte der 20 Millionen Untertanen ausmachen. Anfang 2016 forderte Mohammed bin Salman in einem Manifest für Wandel eine umfassende wirtschaftliche Innovation seines Landes und mehr Rechte für Frauen. Saudi-Arabien werde gebremst durch "das überkommene Erbe und populäre Traditionen", hieß es in dem Text, der allerdings über Demokratisierung, Menschenrechte und Meinungsfreiheit kein Wort verlor.

"Mehr Spaß und mehr freie Marktwirtschaft", gab der 33-jährige Vater von vier Kindern stattdessen als Zukunftsmotto aus. Dafür legte er sich mit den religiösen Hardlinern an, erlaubte erstmals seit vier Jahrzehnten wieder Konzerte und Kinos. Und er machte Schluss mit dem Fahrverbot für Frauen, das dem Königreich bis dahin das permanente Gespött der Welt eingetragen hatte.

Reformvision ausgebremst

Außenpolitisch verfocht Mohammed bin Salman dagegen einen neuen aggressiven, machtbewussten und konfrontativen Kurs. Ganz oben auf seiner Agenda stand von Anfang an der Kampf gegen den Iran und dessen Hegemoniestreben in der Region, was ihn zum Vorzeigeverbündeten von US-Präsident Donald Trump werden ließ. Fast fünf Wochen lang tourte er im März 2018 als Liebling der westlichen Medien durch die USA und Europa, schaute drei Tage bei Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vorbei, bevor er zum Abschluss nach Spanien flog. Wall Street, Harvard, Silicon Valley und Hollywood hießen die glanzvollen Adressen in der Neuen Welt, die vor ihm noch kein saudischer Monarch mit eigenen Augen gesehen hatte.

Nach seiner Rückkehr jedoch begann die Euphorie einer rapiden Ernüchterung zu weichen. Bei dem ehrgeizigen Reformprogramm Vision 2030, das Saudi-Arabien von einer ölsüchtigen Staatswirtschaft in eine innovative Privatökonomie verwandeln soll, türmen sich die Schwierigkeiten. Die mit großem Getöse angekündigte Zukunftsmetropole Neom am Roten Meer steht auf der Kippe, seit internationale Konzernchefs und Banker wegen der Khashoggi-Affäre reihenweise ihre Teilnahme an der Investorenkonferenz Davos in der Wüste absagen, die nächste Woche in Riad stattfinden soll. Die Arbeitslosenquote unter Saudis stieg zuletzt von 9 auf knapp 13 Prozent, bei denen unter 30 Jahren liegt sie sogar über 30 Prozent. Und der Börsengang des staatlichen Ölkonzerns Aramco ist auf unbestimmte Zeit verschoben.

Paranoides Palastmilieu

Der Thronfolger reagierte dünnhäutig und mit eiserner Hand, um alle Kritiker – egal ob außen oder innen – zum Schweigen zu bringen. Reihenweise wurden Andersdenkende, Frauenrechtlerinnen, Kleriker und Journalisten verhaftet, insgesamt mehr als 1.500. Unbequeme Debatten über den vor drei Jahren begonnenen ruinösen Krieg im Jemen, die selbstherrliche Konfrontation mit Katar oder den bizarren Streit mit Kanada werden im Keim erstickt. Die Zeitungen trommeln nur noch nationalistische Einheitstöne. Jeder, der im Internet angebliche Gerüchte streut oder "Falschinformationen" auf seinem Computer speichert, riskiert bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Damit offenbart Mohammed bin Salman nun mehr und mehr auch die düstere Seite seiner Herrschermentalität. Er ist nicht nur ein energischer Reformer, sondern auch ein typischer arabischer Diktator, skrupellos und autoritär, aufbrausend und maßlos, keinen Widerspruch duldend und umgeben von willigen Jasagern – ein Palastmilieu, erstickend und paranoid, in dem auch ein fataler Mordbefehl für Khashoggi gediehen sein könnte.