Rana Sabbagh ist die Gründerin und Leiterin der Organisation Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ). Das unabhängige Recherchenetzwerk mit Sitz in der jordanischen Hauptstadt Amman fördert investigative Recherchen in der arabischen Welt und hilft Journalisten dabei, ihre Arbeit zu machen. Sabbagh leitete als erste Frau in der Region die "Jordan Times". Weil sie sich in einem immer schwieriger werdenden Umfeld für Aufklärung und Transparenz einsetzen, wurde ARIJ in diesem Jahr mit dem Raif Badawi Award for courageous journalists ausgezeichnet.

ZEIT ONLINE: Frau Sabbagh, am vergangenen Dienstag verschwand der saudische Publizist Dschamal Chaschukdschi im saudischen Konsulat in Istanbul. Noch ist unklar, was mit ihm passiert ist. Was denken Sie darüber?

Rana Sabbagh: Ich bin sehr schockiert über das Verschwinden unseres Kollegen Dschamal Chaschukdschi. Er ist ein mutiger Journalist, der sich mit Nachdruck für freie Meinungsäußerung in seiner Heimat eingesetzt hat. Er war sehr loyal gegenüber dem Königshaus. Er hat aber auch Reformen angemahnt und war zunehmend kritisch gegenüber dem Kronprinzen Mohammed bin Salman. Das hat ihn nun vielleicht sein Leben gekostet. Wir leben offenbar in einer Zeit, in der jeder, der den Mund aufmacht, bestraft wird.

Mohammed bin Salman ist ein Hardliner, nach innen wie nach außen. Er führt eine vernichtende Militäroffensive gegen die Huthi-Rebellen im Nachbarland Jemen und verhängt absurde Boykottkampagnen, etwa gegen Katar oder Kanada. Im Inneren geht er sehr hart gegen kritische Stimmen vor.

ZEIT ONLINE: Im Westen wird bin Salman gern als Stabilitätsanker in einer chaotischen Region gesehen.

Sabbagh: Ja, aber was weiß der Westen über das Leben in Saudi-Arabien? Der Westen folgt seinen eigenen Interessen. US-Präsident Donald Trump etwa schließt nur zu gern Waffendeals mit den Saudis ab. Da geht es auf beiden Seiten um viel Geld; Menschenrechte spielen eine untergeordnete Rolle. Bin Salman tut so, als sei er ein großer Reformer, weil er im 21. Jahrhundert Frauen das Autofahren erlaubt und sie in Fußballstadien lässt. Dabei werden sie nach wie vor unterdrückt. Was ist das für eine Gesellschaft, wenn die Hälfte der Bevölkerung praktisch ohne Stimme ist?

Die jungen Saudis freuen sich, dass sich Männer und Frauen nun häufiger im öffentlichen Raum begegnen können. Vielleicht verändert das auch etwas. Aber es braucht viel mehr als das: eine pluralistische Kultur, eine tief greifende gesellschaftliche Öffnung, eine Trennung von Religion und Politik.

ZEIT ONLINE:
Wird es das jemals in Saudi-Arabien geben können?

Sabbagh: Sicherlich nicht so bald. Das ist ein großes Problem in Ländern mit Regimes, deren Legitimität vor allem durch die Religion begründet ist. Unser König in Jordanien ist kein Fanatiker, er möchte Reformen anstoßen. Doch er kann das nicht durchsetzen; immerhin unterstützt ihn ein Großteil der Bevölkerung, weil er ein Sohn der Haschemiten ist, also der Nachfahren des Propheten Mohammed. Würde er die Religion ins Private drängen, würde er enorm an Zustimmung verlieren.

Die jungen Saudis fangen an, Fragen zu stellen.

In Saudi-Arabien ist es ähnlich. Saudi-Arabien hat den Wahhabismus über viele Jahrzehnte lang gefördert. Viele Überzeugungen, die radikale Islamisten verbreiten, sind in dieser streng dogmatischen Auslegung des Islams angelegt. Der Islam ist eine gute Religion, er ist sehr praktisch angelegt und begründet ein friedliches und gerechtes Zusammenleben. Doch diese extrem traditionelle Lesart ist problematisch.

ZEIT ONLINE: Warum fürchtet bin Salman kritische Stimmen so sehr?

Sabbagh: Er hat Angst vor einem Machtverlust. Die Königsfamilie steht nicht mehr geeint hinter ihm. Es gibt in seinem Umfeld viele, die ihn schwächen möchten. Auch hat sich in Saudi-Arabien vieles verändert. Die Zeiten, in denen es genug Geld für alle gab, und die Bevölkerung ruhiggestellt war, weil es ihr materiell gut ging, sind vorbei. Saudi-Arabien hat viele Schulden, der Ölpreis ist gesunken, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie nie.

Deswegen fangen vor allem junge Saudis an, Fragen zu stellen. Weil das für bin Salman gefährlich werden könnte, geht er gegen Menschenrechtler und Frauenaktivistinnen vor. Der Blogger Raif Badawi, der sich für Religionsfreiheit und einen liberalen Staat einsetzte, wurde 2012 verhaftet und zu zehn Jahren Haft und 1.000 Peitschenhieben verurteilt. Seine Schwester, die Frauenrechtlerin Samar Badawi, wurde verhaftet, weil sie dagegen protestiert hatte, dass Frauen in Saudi-Arabien noch immer einen männlichen Vormund brauchen. Bin Salman erträgt es nicht, andere Meinungen zuzulassen.

Der Westen sollte sich nicht blenden lassen.

ZEIT ONLINE: Wie sollte der Westen mit solchen Regimes umgehen?

Sabbagh: Er sollte die Menschenrechtsverletzungen anprangern und sich fragen, ob er nicht seine Werte verrät, wenn er mit solchen Regimes Geschäfte macht. Auch im demokratischen Europa bestimmen mittlerweile Populisten die politischen Debatten. Für die Herrscher im Mittleren Osten ist das ein Segen; sie freuen sich etwa über Trumps Verunglimpfung kritischer Journalisten. Sie sagen: Wenn selbst der Präsident der Vereinigten Staaten, also des Kernlandes der Demokratie, so etwas tut, können wir das erst recht.

Der Westen sollte sich nicht blenden lassen. Nach außen wirken die arabischen Herrscher liberal: Der jordanische König mit einer Frau, die weder Kopftuch noch einen Tschador trägt und sich modern kleidet. Oder Syriens Machthaber Baschar und Asma al-Assad, die jung sind, im Westen studiert haben und fließend Englisch sprechen. Viele meinen, dass hinter dieser schillernden Fassade auch eine moderne, demokratische Haltung steht.

ZEIT ONLINE: Das ist aber nicht der Fall.

Sabbagh: Nein, im Gegenteil. Die arabische Welt war noch nie eine sehr demokratische Region. Aber in den vergangenen Jahren ist die Repression in jedem arabischen Land, mit Ausnahme von Tunesien und in einem gewissen Rahmen Libanon, stärker geworden. In Syrien führt das Regime einen Krieg gegen das eigene Volk, Libyen ist zerfallen, im Irak kämpfen unterschiedliche Gruppen um die Macht, in Ägypten hat al-Sissi eine Diktatur errichtet, die rigoroser ist als unter Mubarak.

"Alle abweichenden Meinungen werden unterdrückt"

ZEIT ONLINE: Während des Arabischen Frühlings schien es so, als gebe es eine Öffnung: Künstler und Aktivisten dokumentierten auf Facebook und Twitter die Brutalität der Sicherheitskräfte, Blogger parodierten die Selbstbereicherung der Eliten. Die Angst vor Zensur schien verschwunden.

Sabbagh: Die Revolutionen 2011 hatten uns Hoffnung gegeben, dass es besser werden würde. Doch dann haben die gleichen autokratischen Kräfte wieder die Macht übernommen und die Fortschritte zurückgedreht. Heute werden alle abweichenden Meinungen unterdrückt. Die Herrscher stecken Kritiker ins Gefängnis oder attackieren sie.

In Ägypten ist es derzeit am schlimmsten. Selbst wenn man etwas auf Facebook teilt, kann man verhaftet werden. Alle arabischen Länder, die ein Cybercrime-Gesetz verabschiedet haben, sind zu einem Freiluftgefängnis geworden. Selbst in Tunesien, wo es durchaus demokratische Entwicklungen gibt, behandelt die Polizei Reporter, die über Proteste berichten, so wie zu Zeiten von Ben Ali. Viele Geschäftsleute kaufen oder bestechen Redaktionen, damit sie in ihren Berichten Opponenten diskreditieren. 

ZEIT ONLINE: Was heißt das für den Journalismus in diesen Ländern?

Sabbagh: Viele Reporter können oder wollen diesem Druck nicht standhalten. Einige nehmen ihre Kritik zurück oder werden gar Teil der elitären Führungsclique, die sie schützen kann. In Jordanien habe ich das bei einigen Kollegen erlebt. Viele Journalisten sind zu Staatsdienern mutiert. Eine Studie unter jordanischen Journalisten hat ergeben, dass 95 Prozent der Reporter ihre Berichte selbst zensieren, bevor sie diese dem Chefredakteur vorlegen. 

ZEIT ONLINE: Wie können investigative Journalisten wie Sie in so einem Umfeld noch arbeiten?

Sabbagh: Wir haben viele Hürden zu nehmen. Ich kann etwa nicht mehr in Ägypten arbeiten, seit al-Sissi die Macht übernommen hat. Wir hatten dort mal eine Geschichte recherchiert zur Veruntreuung von EU-Geldern. Wir haben bei der Veröffentlichung darauf verzichtet, den Namen unseres Netzwerkes zu nennen, um die ägyptischen Kollegen zu schützen. Für uns ist es wichtiger, dass die Geschichte an die Öffentlichkeit kommt, als dass wir berühmt werden.

ZEIT ONLINE: Wie helfen Sie Journalisten dabei, ihre Geschichten zu recherchieren?

Sabbagh: Wir zeigen ihnen, wie sie ihre Daten und E-Mails verschlüsseln und sich selbst schützen können, um etwa in Libyen, im Irak oder Jemen zu recherchieren. Jeder, der für uns arbeitet, nimmt große Risiken in Kauf. Wir haben mitgearbeitet bei den Panama Papers, Paradise Papers und den Swiss Leaks, bei den großen Enthüllungsgeschichten. Jeder von uns kämpft gegen korrupte Systeme, gegen die Mafia und Sicherheitsbehörden. In Ländern wie Syrien kann das lebensgefährlich sein. 

Die Menschen in der arabischen Welt haben eine bessere Zukunft verdient.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten noch mit Journalisten in Syrien?

Sabbagh: Ja, wir haben zwei Kollegen in Syrien, im Regimegebiet. Ein Kollege hatte mal eine Geschichte zur Veruntreuung von ausländischen Hilfsgeldern durch den Syrischen Arabischen Roten Halbmond recherchiert. Eines Tages erhielt er einen Anruf vom syrischen Geheimdienst. Ihm wurde gesagt, er solle die Geschichte ruhen lassen, sonst würde er das nicht überleben. Wir haben die Recherchen eingestellt und an Kollegen in Europa weitergegeben. Das machen wir öfter: Wir fangen an, zu recherchieren, und übergeben unsere Recherchen an Partner im Ausland, wenn es für uns zu riskant wird.

ZEIT ONLINE: Die Journalisten von ARIJ haben bisher mehr als 400 Investigativgeschichten veröffentlicht. Haben Sie damit etwas verändern können?

Sabbagh: Jede Geschichte konnte zumindest eine kleine Veränderung bewirken. Wir haben zum Beispiel mal eine Geschichte zusammen mit BBC Arabic in Jordanien gemacht. Darin haben wir dokumentiert, wie Betreuer in Einrichtungen für geistig Behinderte die Patienten misshandelt haben. Sie haben sie beleidigt, geschlagen und sexuell missbraucht. Unser Journalist hat in drei dieser Einrichtungen mitgearbeitet und über Wochen die Misshandlungen mit versteckter Kamera aufgezeichnet. Danach gab es eine große Debatte und es wurden Gesetze geändert. Nun sind dort Kameras installiert, die alles aufzeichnen, was dort passiert, um derartige Übergriffe zu verhindern. Wir dürfen nicht aufhören, Ungerechtigkeiten aufzudecken und Verbesserungen anzustoßen. Die Menschen in der arabischen Welt haben eine bessere Zukunft verdient.