Am Wahltag kam es in São Gabriel da Cachoeira zu einem Streit. Auf dem Markt des 45.000-Einwohner-Nests im brasilianischen Amazonaswald trug ein Verkäufer ein T-Shirt mit dem Konterfei von Bolsonaro. "Wie kannst du hier für Bolsonaro sein?", fuhren Menschen den Verkäufer an. Es gab eine Prügelei. 75 Prozent der Leute in São Gabriel stammen von indigenen Völkern ab. Und Jair Bolsonaro will, wenn er Präsident ist, "keinen Zentimeter" der staatlich geschützten Reservate übrig lassen. Außerdem hat der Präsidentschaftskandidat in seinem Wahlkampf Angehörige indigener Völker beleidigt. Genau wie Frauen, Homosexuelle, Linke und Schwarze.

Doch am späten Abend zeigte sich in São Gabriel da Cachoeira der gleiche Trend wie im ganzen Land: Bolsonaro, 63, Hauptmann der Reserve und nostalgischer Fan der brasilianischen Militärdiktatur der Jahre 1964 bis 1985, lag ganz weit vorn. Brasilienweit erreichte der Rechts-außen-Politiker 46 Prozent der Stimmen, der Kandidat der Arbeiterpartei Fernando Haddad kam nur auf 29 Prozent. Am 28. Oktober müssen die beiden in die Stichwahl gehen – aber es erscheint im Augenblick nicht wahrscheinlich, dass Haddad so viel Abstand aufholen kann.

In der fünftgrößten Demokratie der Welt sind gerade 46 Prozent der (gültigen) Stimmen auf einen Kandidaten entfallen, der von Demokratie nicht viel hält. Vielleicht schafft er sie sogar ab.

Rassistische und sexistische Sprüche

Warum wählen so viele Brasilianer einen Mann zum Präsidenten, der gegen ihre ureigenen Interessen eintritt? Warum stimmen Millionen brasilianischer Frauen für einen Kandidaten, der Politikerinnen als "Huren" beschimpft hat und zu einer Kollegin sagte, sie sei es "nicht wert, vergewaltigt zu werden"? 

In den Umfragen hatten sich auch viele aus der ärmeren Bevölkerung des Landes für Bolsonaro ausgesprochen – obwohl er ganz offen sagt, dass er die Sozialprogramme aus der Ära des Ex-Präsidenten Lula da Silva eindampfen will. Bolsonaro hat angedeutet, dass er in städtischen Armutsgebieten die Polizei mit Maschinengewehren aufmarschieren lassen will. Die Menschen dort wissen aus Erfahrung, was das bedeutet: wahlloses Herumballern, viele Tote und zerstörte Familien.   

Über Jahrzehnte hinweg hatte Bolsonaro als Hinterbänkler im Parlament den Politikclown gegeben. Womöglich muss man nicht jedes Wort aus dieser Phase auf die Goldwaage legen: dass er seine politischen Gegner abknallen wolle, dass die Folterknechte der Militärdiktatur seine politischen Vorbilder seien und allerlei Faschosprüche mehr.