Im Wahlkampf hat Bolsonaro vieles davon in Trumpscher Manier schnell als Scherz bezeichnet. Bei Trump allerdings sind es keine Scherze geblieben. Bolsonaros Beraterstab besteht großteils aus ehemaligen und aktuellen Militärs, die seine Sehnsucht nach der Militärdiktatur teilen. Einige sollen in die Regierung einziehen. Bolsonaros designierter Vize war bis vor Kurzem General, und er wünscht sich eine neue Verfassung ohne Beteiligung des Volkes.

Am einfachsten ist die Unterstützung für den Hauptmann a. D. bei den weißen männlichen, bürgerlichen und eher gebildeten Bevölkerungsschichten Brasiliens zu begreifen. Sie leben großteils im wohlhabenden Teil des Landes, also in Rio, São Paulo und im Südosten ringsherum. Große Teile dieser oberen Mittelschichten waren schon lange gegen das Projekt der Arbeiterpartei, also gegen die Präsidenten Lula da Silva (2003 bis 2011) und Dilma Rousseff (2011 bis 2014). Den beiden Sozialdemokraten gelang durch massive Sozialprogramme die Integration von mehr als 20 Millionen armer Menschen in den Wirtschaftskreislauf und in eine bescheidene Bürgerlichkeit. Für die meisten Europäer mag eine solche Politik des sozialen Ausgleichs erstrebenswert klingen, in Brasilien ist das aber anders.

Die oberen Mittelschichten genießen hier seit Generationen eine ganze Palette von Privilegien, die sie sich bewahren wollen: im Steuersystem (das von unten nach oben umverteilt), beim Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, ja sogar vor Gericht und im Strafvollzug. Seit der Kolonialzeit ist man in diesen Milieus daran gewöhnt, im internationalen Vergleich hohe Gehälter und Kapitalerträge zu verdienen – und zwar als Gegenleistung für eine überraschend geringe Produktivität. Im Alltag wird die obere Mittelschicht von schlecht bezahlten Haushälterinnen, Fahrern, Kindermädchen und Putzhilfen umsorgt. Diese Privilegien gerieten unter Lula und Dilma ein wenig in Gefahr. Vormals arme Menschen stiegen nun auf und bevölkerten nun die Sphären der Etablierten: Restaurants, Shoppingzentren und Flughäfen. Nun brachen Abstiegsängste aus.

Notfalls mit Waffengewalt

Solche Klassenfragen sind in Brasilien immer auch gleich ethnische Konflikte. Die meisten ärmeren Menschen stammen von afrikanischen Sklaven oder indigenen Völkern ab. Für die bürgerlichen Systemgewinner bezieht der zackige Hauptmann mit den deftigen Sprüchen klar Position: Er rettet für sie das Vaterland, notfalls mit Waffengewalt. Die Agrarkönige und Großgrundbesitzer blicken ähnlich auf ihn. Von Bolsonaro versprechen sie sich Schutz vor aufsässigen Kleinbauern, indigenen Volksgruppen, Umweltschützern und staatlichen Umweltschutzbehörden (Bolsonaro: "die Strafzettelindustrie").

Die Stimmen von all denjenigen, die nicht zu diesem Establishment gehören, haben einen anderen Grund. Es gibt in Brasilien einen massiven Vertrauensverlust in das ganze politische System, quer durch die sozialen Schichten.

Nur gut 60 Prozent der Brasilianer erklären in Umfragen, dass sie die Demokratie für die beste Staatsform halten. Nur gar acht Prozent sind "sehr stark" dieser Meinung. Diese Umfragen zeigen, dass ausgerechnet viele Menschen in den ärmeren Schichten skeptisch über die Demokratie denken. Es mag an der Erfahrung liegen, dass sie sich laufend als diskriminierte Bürger zweiter Klasse fühlen müssen – Demokratie hin oder her. Die Sozialreformen Lula da Silvas haben dieses Gefühl offenbar nicht ganz ausgeräumt, oder es ist zurückgekehrt, nachdem viele Sozialprogramme zuletzt wieder gekürzt worden sind. In den unteren Mittelschichten sieht es noch mal anders aus, dort sind viele Menschen gegen Hilfen für Ärmere eingestellt, und eine Sehnsucht nach dem Law and Order der Militärjahre ist verbreitet.